Als ich im letzten Sommer an CyberLangues 2012 teilnahm, kamen mein französischer Kollege Christophe Jaeglin und ich auf die Idee, gemeinsam ein virtuelles Austauschprojekt zu starten. Obwohl wir anfangs nur eine grobe Vorstellung davon hatten, was wir genau machen wollten, entwickelte sich die Idee im ersten Halbjahr des Schuljahres ganz von selbst weiter. Hinzu kam, dass wir beide mehr oder weniger aktiv in Second Life (z.B. bei SLanguages) sind und ich Anfang 2013 am Machinima Workshop „MachinEVO 2013“ teilnahm.

Unsere Basisidee war es, unsere Klassen mit Hilfe von kostenlosen kollaborativen Web 2.0 – Tools arbeiten zu lassen. Unter anderen sollten sie gemeinsam Dialoge schreiben. In der Planungsphase stellte wir erfreut fest, dass wir durch Zufall eine Stunde pro Woche parallel Unterricht hatten, was natürlich die gemeinsame Arbeit immens erleichterte, da wir nicht nur asynchron, sondern auch synchron arbeiten konnten.

Da wir handlungsorientiert arbeiten wollte, beschlossen wir, eine „simulation globale“ durchführen, bei der die TeilnehmerInnen fiktive Identitäten annehmen und so zur Interaktion in diesem fiktiven Rahmen animiert werden sollen. Also erfanden wir ein europäisches Projekt namens „Eine andere Welt„, welches wir auf der TeleTandem-Moodle-Plattform des Deutsch-Französischen Jugendwerks durchführen wollten. Dieses fiktive Projekt ging davon aus, dass sich Jugendliche aus ganz Europa für die Teilnahme an einem 6-monatigen Aufenthalt im „Europäischen Jugenddorf“ bewerben und dann dort in Wohngemeinschaften zusammenleben würden. Dies passte besonders für meine Gruppe genau zum Thema „Europa„, das im Lehrbuch dieses Jahr behandelt werden sollte. Dabei sollten die deutschen SchülerInnen französische Avatare erfinden und die französischen SchülerInnen deutschsprachige. Um das Ganze authentischer wirken zu lassen, erstellten wir authentisch wirkende Materialien, vom Logo des Projekts bis hin zum Plakat, welches zur Teilnahme aufrief.

Ein kleiner positiver Nebeneffekt dieses handlungsorientierten Ansatzes war die Tatsache, dass unsere SchülerInnen in die Rolle ihres Avatars schlüpften und wir so die erarbeiteten Ergebnisse ohne Probleme auch im Internet veröffentlichen konnten. Auf französischer Seite wurde lediglich eine Einverständniserklärung der Eltern für das Projekt benötigt, während bei mir die einzelnen Aktivitäten bereits durch die Einverständniserklärung abgedeckt wurde, die die Eltern zu Schuljahresbeginn unterschrieben hatten. Ich ließ mir allerdings von den Eltern ebenfalls noch zusätzlich schriftlich bestätigen, dass sie meine Informationen über das Projekt zur Kenntnis genommen hatten und die SchülerInnen unterschrieben wie auch ihre PartnerInnen in Frankreich eine Vereinbarung über Projektregeln.

Da ich mittlerweile während MachinEVO 2013 gelernt hatte, wie man in Second Life Videos drehen kann, erstellte mein Avatar Coco LeBlanc, deren Identität ich im Projekt annahm, zusätzlich ein Video, um das Projekt zu präsentieren. Die Videos wurden mit Camtasia erstellt, auf Coco LeBlancs Youtube-Kanal hochgeladen und mit Hilfe von Amara untertitelt.

Im Anschluss daran sollten unsere SchülerInnen nun ihre eigenen Avatare erstellen und Rollenkarten dafür schreiben. Die darauf enthaltenen Informationen sollten sie im Laufe des Projekts in der Interaktion mit ihren „Mitbewohnern“ auch einsetzen.

Die Rollenkarten


Der nächste Arbeitsschritt bestand darin, sich mündlich vorzustellen. Um die Texte aufzunehmen boten wir mehrere Aufnahmemethoden an, u.a. Audioboo und einen in die Teletandemplattform integriertes Audio-Recorder-Plugin. Für die Präsentation entschied ich mich aus Praktikabilitätsgründe dazu, die MP3-Dateien und zugehörigen Bilder auf Audioboo hochzuladen um so einen einfach einbettbaren Player zu erhalten. Später habe ich dann zur einfacheren Handhabung alle Fotos und Audiodateien auf „MyBrainshark“ hochgeladen. So lernten die SchülerInnen auch diese Möglichkeit multimediale Projekte zu präsentieren kennen.

Da in unserem Lehrwerk zu diesem Zeitpunkt Bewerbungsschreiben und Lebensläufe Thema waren, habe ich meine SchülerInnen zusätzlich Bewerbungen verfassen lassen.

Im Anschluss ging es darum, die neuen Wohngemeinschaften zu bilden. Der Arbeitsauftrag wurde erneut von Coco LeBlanc präsentiert.

Die Pinnwand existierte tatsächlich, sodass ausgewählte SchülerInnen dort Gesuche anpinnen und die Anderen sich dort selbst vorstellen konnten.

Die 8 SchülerInnen, die ihr Gesuch gepostet hatten, schickten nun über die TeleTandem-Plattform Privatnachrichten an diejenigen SchülerInnen schicken, mit denen sie gerne in eine Wohnung ziehen wollten. Die so Kontaktierten sollten antworten und so wurden die Arbeitsgruppen (Wohngemeinschaften) gebildet.

Nachdem die Wohngemeinschaften feststanden, bekamen unsere SchülerInnen die Möglichkeit, sich in einem Todaysmeet Chatraum eine Stunde lang kennenlernen. Allerdings wurden sie von uns angewiesen, darauf zu achten, dass sie die Perspektive ihrer Avatare nicht verlassen. Dies erwies sich besonders anfangs als sehr schwierig – was jedoch für mit dem Internet recht unerfahrene und damit technisch immens geforderte 14-15 jährige SchülerInnen sicherlich verzeihbar ist :)

Als erstes asynchrones Projekt sollten die SchülerInnen dann ihre Wohngemeinschaften mit Hilfe von Glogster und den bereits vorher angefertigten Bildern und Audio-Vorstellungen präsentieren. Als Vorlage erstellen Christophe und ich eine ähnliche Präsentation für unsere Avatare.

Glogster-Präsentation der Hausmeister/Betreuer des deutsch-französischen Viertels des europäischen Jugenddorfs

Die Ergebnisse der SchülerInnen sehen folgendermaßen aus (in der Galerieansicht finden Sie den Link zu den interaktiven Originalpostern):

Nach der Ankunft im Europäischen Jugenddorf kam es zum ersten Treffen und damit zu den ersten Dialogen. Die TeilnehmerInnen wurden von Coco LeBlanc empfangen und erhielten die Aufgabe, sich in den Wohngemeinschaften kennenzulernen.

Die Dialoge wurden mit Hilfe von Titanpad geschrieben. Bei Titanpad gibt es ein Dokument, auf dem gemeinsam gearbeitet werden kann und im Chatfenster daneben konnten sich die SchülerInnen darüber austauschen, was sie schreiben wollten.

Die Ergebnisse des ersten Versuchs mit Titanpad – eine Aufgabe die für unerfahrene Internetnutzer eine große Herausforderung darstellt, da sie nicht nur parallel mit dem Dokument und dem Chat arbeiten, sondern auch lernen mussten, was es heißt gleichzeitig an einem Dokument zu arbeiten – waren sehr gelungen. Glücklicherweise bot der Titanpad die Möglichkeit, auch Dialoge wiederherzustellen, die von einigen Schülern aus Versehen gelöscht und nicht wiederhergestellt werden konnten.

Die Dokumente wurden dann vertont und mit Hilfe des Windows Movie Makers in kleine Filme umgewandelt. Die Titelbilder erstellte ich selbst mit Gimp, damit sie einheitlich aussehen würden.

Die Playlist der erstellten Filme des ersten Treffens

Da wir den SchülerInnen etwas Mitspracherecht bei der Themenwahl der folgenden Dialoge geben wollten, wählten wir als nächste Aufgabe eine Unterhaltung darüber, was die TeilnehmerInnen am Projekt interessieren würde. Die Vorgehensweise von den Dialogen bis hin zum fertigen Video war dieselbe wie beim ersten Treffen. Allerdings gab es in einigen Gruppen massive Probleme, ins Internet zu gelangen. Dieses Problem beruhte auf einem technischen Fehler des Schulnetzwerks und führte dazu, dass nur wenige französische SchülerInnen überhaupt auf die Titanpads kamen. Aus diesem Grund bat ich meine SchülerInnen, diese Abwesenheit ihrer MitbewohnerInnen ins Gespräch mit einzubauen, was auch hervorragend klappte.

Die Playlist der so entstandenen Dialoge über Interessen

Nachdem wir alle Dialoge gesichtet hattet, stellten wir auf dem inzwischen zur Präsentation der Ergebnisse verwendeten Klassenblog meiner Klasse eine Umfrage bereit, die alle genannten Themen enthielt. So durften die SchülerInnen dann abstimmen, was sie interessieren würde.

Die Umfrage

Sondage

Ergebnis der Umfrage war, dass Essen und Musik die Favoriten waren. Leider kam es genau zu diesem Zeitpunkt zu massiven technischen Problemen, sodass wir es vorzogen, asynchron weiterzuarbeiten. Hinzu kam noch die Tatsache, dass die Ferientermine in Frankreich und Deutschland eine gemeinsame Weiterarbeit verhinderten. Daher bekamen unsere SchülerInnen den Auftrag, ein Menü für eine „Perfektes Dinner“ zusammenzustellen. Es sollte aus drei Gängen bestehen, die auf einer Menükarte angekündigt wurden. Die Lieblingsgerichte der Avatare waren bereits in den Rollenkarten genannt worden, sodass es sich auch zum Großteil um zu der jeweiligen Nationalität passende Speisen handelte. Meine SchülerInnen bekamen von mir die Vorgabe, dass sie die Zutaten und die Zubereitung der einzelnen Gerichte versprachlichen und dann zu einem kleinen Video zusammenschneiden sollten. Dies war mir wichtig, da sich hier eine Wiederholung des Teilungsartikels und des Imperativs anbot. Die französischen SchülerInnen durften ihre Menüs auch mit Glogster vorstellen. Das Ganze wurde dann von mir zu einem Video pro Wohnung zusammengeschnitten.

Die Videos des „Perfekten Dinners“ (Playlist)

Da das „Perfekte Dinner“ stets mit einer Bewertung der Abende des jeweiligen Gastgebers endet, es jedoch aufgrund der technischen Schwierigkeiten zu unsicher war, nochmals Dialoge schreiben zu lassen, wichen wir für diesen Teil der Aufgabe auf den Comicgenerator ToonDoo aus. Dieses Tool wählten wir aus, da es ermöglicht, eigene Figuren hochzuladen. Wir bearbeiteten also die Avatare dahingehend, dass die SchülerInnen einen Version des Avatarkopfs mit transparentem Hintergrund auf ihren PC herunterladen und dann anschließend bei ToonDoo hochladen konnten. So konnten sie ihre Avatarköpfe auf die in ToonDoo verfügbaren Figuren setzen und so Comics zur Bewertung eines perfekten Dinners aus ihrer Wohnung erstellen.

Die Comics mit Bewertung

Da sich das Schuljahr in Frankreich langsam dem Ende zuneigte, beschlossen wir, das Projekt für dieses Schuljahr zu beenden. Als kleines Abschlussprojekt ließen wir unsere SchülerInnen noch einen zweiten Comic mit ToonDoo erstellen, diesmal um Feedback zum Projekt aus Avatarperspektive zu sammeln. Die erstellten Comics wurden diesmal auf eine Padlet-Pinnwand gestellt.

Insgesamt gaben meine SchülerInnen aufgrund der Vorkenntnisse Einzelner, meiner starken Nutzung der neuen Medien im Unterricht schon vorher und der für unsere Zwecke akzeptablen Internetverbindung unserer Schule teilweise mehr Ergebnisse der asynchron durchgeführten Projekte ab, jedoch kann man insgesamt sagen, dass die SchülerInnen beider Länder gut mitgearbeitet und gemeinsam zum Erfolg des Projekts beigetragen haben. Diese europäische Zusammenarbeit von SchülerInnen und auch LehrerInnen war nicht zuletzt auch einer der Grundgedanken, als wir unser Projekt entwarfen.

Die einzige größere Veränderung unserer Vorgehensweise im Laufe des Projekts war die Verlagerung der Zwischenspeicherung von Dateien (z.B. MP3-Dateien und Bilder), die unsere SchülerInnen benötigten, in einer Dropbox und die Präsentation der Ergebnisse und der Arbeitsaufträge auf dem Klassenblog meiner Klasse, da sich die Moodle 1.9 – Plattform des DFJW als zu wenig flexibel erwies. Nicht nur war es so gut wie unmöglich jegliche embed-codes (v.a. das heute gängigste Format iframe) zu verwenden, um die Ergbenisse auf dem plattforminternen Blog zu präsentieren, sondern die Arbeitsoberfläche war schnell lediglich eine große Linksammlung, die die unerfahreneren SchülerInnen überforderte. Eventuell wird sich dieses Problem mit Moodle 2.x lösen lassen, jedoch halte ich momentan meinen WordPress-Blog für weitaus flexibler.

Da die Handhabung von neuen Web 2.0-Tools nicht immer einfach ist für SchülerInnen, haben wir ihnen zu den wichtigsten Tools Tutorials erstellt, die ihnen die Funktionsweise bzw. die notwendigen Bedienungselemente erklären sollten.

Die Tutorials wurden bewusst auf Französisch gestaltet, da die französische Gruppe noch nicht so lange Deutsch lernte wie meine Gruppe Französisch und sich so die französische, in Sachen neue Medien noch etwas unbedarftere Gruppe eher auf den Inhalt konzentrieren konnte, während meine Gruppe, die bereits im 4. Lernjahr Französisch als zweite Fremdsprache war und über recht gute Französischkenntnisse verfügte, neben der inhaltlichen Komponente so auch ganz nebenbei noch eine Hör-/Sehverstehensübung bekam. Dieser Hörverstehensaspekt war übrigens auch der Grund dafür, die Aufgabenstellungen per Machinima zu präsentieren.

Sicherlich verlief das Projekt dieses erste Mal an einigen Stellen und besonders aufgrund von terminlichen und technischen Schwierigkeiten etwas holprig, jedoch war es eine wirklich gute erste Erfahrung mit tollen Ergebnissen. Wir haben auch vor dieses Projekt weiterzuführen sofern dies die Stundenpläne und die uns zugeteilten Klassen erlauben. Allerdings sollten wir beim nächsten Mal bereits zu Schuljahresbeginn einen konkreteren Plan erstellen können, wann welche Aktivität stattfinden soll und wie wir uns zeitlich organisieren werden. Da die Ferientermine und sonstige blockierte Daten zu Schuljahresbeginn feststehen werden und bis zu diesem Zeitpunkt dann auch die eine oder andere technische Hürde ausgeschaltet sein wird (z.B. wird der Internetanschluss an meiner Schule aller Voraussicht nach ein Upgrade erhalten) können wir vielleicht dann auch häufiger synchron arbeiten – zumindest sofern die Stundenplanmacher uns parallele Stunden verschaffen können.

Schließlich werden wir das Projekt beim nächsten Mal aller Voraussicht nach auch etwas realistischer gestalten können, da bis dahin unser Haus auf EduNation in Second Life fertig sein dürfte. So werden wir den SchülerInnen hoffentlich nicht nur authentischere Machinimas präsentieren, sondern ihnen auch eine Führung durch das europäische Jugenddorf in Brüssel geben und ihnen die Schauplätze der einzelnen Aktivitäten zeigen können, sodass sie sich besser in ihre Avatare und deren Lebensumstände hineinversetzen können. Dazu wird es neben dem ausgestatteten Haus der beiden Betreuer auch Holodecks geben, die passende Szenarien liefern können. Leider wird es jedoch in nächster Zukunft dabei bleiben, dass wir den SchülerInnen mit Hilfe von Machinimas alles zeigen. Es wäre zwar toll, die SchülerInnen selbst in Second Life direkt miteinander in Kontakt treten zu lassen, sodass Dialoge nicht zuerst schriftlich fixiert und dann separat aufgenommen werden müssten, sondern direkt in Second Life gefilmt werden könnten, jedoch übersteigt dies wohl die momentanen Möglichkeiten im Hinblick auf Ausstattung der Schulen, Medienkompetenzen und zeitliche Verfügbarkeit unserer SchülerInnen. Zudem muss auch bedacht werden, dass Second Life kein hermetisch abgeriegelter Ort ist, an dem sich Minderjährige ohne Weiteres sicher bewegen können. Ich werde mich allerdings erkundigen, ob es möglich ist, unser Grundstück auf EduNation so zu schützen, dass nur autorisierte Avatare sich dort aufhalten dürfen um somit interessierten SchülerInnen die Möglichkeit zu geben von zu Hause und mit Erlaubnis ihrer Eltern dem Grundstück hin und wieder einen Besuch abzustatten und es zu erkunden. Dabei wäre es natürlich denkbar, gleichgesinnte Kollegen, die Französisch oder Deutsch sprechen, ebenfalls einzuladen und so eine authentischere und informelle Kommunikationssituation zu schaffen. Doch dies ist momentan noch Zukunftsmusik – auch wenn ich hoffe, dass wir eines Tages einen Modellversuch starten und vielleicht auch das europäische Jugenddorf ausbauen können werden :)