Autor: Stephanie Wössner

Je länger ich mich mit Neurodiversität beschäftige, desto weniger scheint mir eine einzelne Kategorie ausreichend, um zu verstehen, was Menschen erleben. Schon innerhalb eines neurologischen Profils zeigt sich eine enorme Variabilität. Aufmerksamkeit und Exekutivfunktionen, Lernen und Informationsverarbeitung, Kommunikation und soziale Interaktion, Regulation und Emotionen, Interessen und Motivation, Motorik und Praxis, Wahrnehmung und Kognition oder Sensorik können bei ein und demselben Menschen kontextabhängig sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Ein solches Profil ist nicht linear. Hohe Fähigkeiten in einem Bereich schließen erheblichen Unterstützungsbedarf in einem anderen nicht aus, ebenso wenig wie eine Diagnose zuverlässig vorhersagt, wie ein Mensch denkt, wahrnimmt oder handelt. Daraus…

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Eine Gruppe von Avataren steht in einer digitalen Welt vor einem noch leeren Gelände. Einige laufen sofort los und erkunden die Umgebung. Zwei beginnen, Materialien zu sammeln. Eine Spielfigur bleibt zunächst am Ausgangspunkt und beobachtet. Eine andere setzt nach einem eigenen Plan die ersten Blöcke. Im Chat tauchen kurze Absprachen auf, daneben entstehen Zeichen und Wege in der Landschaft. Später übernimmt jemand die Versorgung mit Baumaterial, eine andere Person kümmert sich um technische Funktionen. Nicht alle sprechen gleich viel oder arbeiten am selben Ort. Trotzdem entsteht etwas Gemeinsames. Hinter den Avataren stecken Kinder, die dieselbe Welt sehr unterschiedlich wahrnehmen und…

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In der ersten aufgezeichneten Videolecture meiner neuen Ausbildung zur Trainerin für Neurodiversität und Inklusion bei der Positive Psychology Guild in Großbritannien fiel ein Gedanke, der mich nicht mehr losgelassen hat. Reece Coker sprach über das medizinische und das soziale Modell von Behinderung und Neurodivergenz und über eine Schwierigkeit, die immer deutlicher wird, je länger man sich mit unterschiedlichen neurokognitiven Profilen beschäftigt: Wo genau hört das eine auf und wo beginnt das andere? ADHS und Autismus überschneiden sich in manchen Bereichen, Dyslexie kann mit anderen Formen neurodivergenter Informationsverarbeitung zusammen auftreten, Hochbegabung kann Merkmale zeigen, die von außen wiederum ganz anders gelesen…

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Diese Textfassung bietet einen zusätzlichen, linearen Zugang zu den Inhalten meines Vortrags Die Zukunft des Lernens ist nicht digital, sondern menschlich! – Zukunftsorientiertes Lernen für eine lebenswerte Zukunft. Menschen verarbeiten Informationen unterschiedlich. Manche orientieren sich leichter an visuellen Darstellungen, andere an zusammenhängendem Text; manche möchten Inhalte vor oder nach einem Vortrag in Ruhe nachlesen oder beim Verarbeiten ihr eigenes Tempo wählen. Gerade mit Blick auf Neurodiversität ist es mir wichtig, nicht von einem einzigen „richtigen“ Zugang auszugehen, sondern unterschiedliche Möglichkeiten anzubieten. Die Textfassung ergänzt deshalb meinen Foliensatz. Sie ist keine Mitschrift des Vortrags, sondern eine eigenständige, lineare Aufbereitung der zentralen…

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Gestern saß ich in einem Seminar zu Individual Learning Needs und blieb an einer Folie hängen, die eigentlich in einen ganz anderen Zusammenhang gehörte. Zu sehen war eine Tabelle in Zusammenhang mit Bruce Perrys Modell des State-Dependent Functioning. Es beschreibt, wie sich unter zunehmender Belastung verändert, welche Formen des Denkens und Handelns uns gerade zur Verfügung stehen. In einem ruhigen Zustand fällt es leichter, abstrakt zu denken, vorauszuplanen und zu reflektieren. Mit wachsender Aktivierung verändert sich das. Aufmerksamkeit richtet sich stärker auf das unmittelbar Relevante, der Zeithorizont wird enger, Verarbeitung konkreter und emotionaler. Ich betrachtete die Spalte Alert und fragte…

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Ich beschäftige mich seit Jahren mit Lernumgebungen, der Zukunft des Lernens und der Frage, unter welchen Bedingungen Menschen gut lernen können. Universal Design for Learning und Neurodiversität sind für mich dagegen vergleichsweise neue Bezugsrahmen. Erst seit einigen Monaten setze ich mich intensiver damit auseinander. Dabei habe ich vor allem entdeckt, dass vieles von dem, was ich über lange Zeit aus meiner pädagogischen Haltung heraus entwickelt und gestaltet habe, erstaunlich gut zu diesen Ansätzen passt. Die Begriffe und Modelle waren neu für mich, viele der dahinterliegenden Gedanken waren es weniger. Mit dem Beginn meines aktuellen Kurses zu Individual Learning Needs hat…

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Manchmal kann ein Mensch etwas, und trotzdem ist es in einem bestimmten Moment kaum erreichbar. Ein Kind löst eine Aufgabe an einem Tag ohne große Schwierigkeiten und sitzt am nächsten davor, als hätte es den Zugang dazu verloren. Jemand kann sich gut ausdrücken, findet unter Stress aber kaum Worte. Ein anderer Mensch kann normalerweise planen, Entscheidungen treffen oder mit mehreren Dingen gleichzeitig umgehen und merkt irgendwann, dass schon eine weitere kleine Anforderung zu viel ist. Wir kennen solche Situationen eigentlich alle. Trotzdem behandeln wir Fähigkeiten im Bildungskontext häufig so, als wären sie jederzeit in gleicher Weise verfügbar. Was uns gerade…

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Wer dreißig Menschen zum Essen einlädt, würde vermutlich nicht selbstverständlich davon ausgehen, dass alle dasselbe Gericht essen wollen und können. Vielleicht gibt es Allergien oder Unverträglichkeiten, manche essen vegetarisch oder vegan, andere mögen bestimmte Dinge schlicht nicht. Wir würden solche Unterschiede kaum als persönliches Versagen interpretieren. Wenn jemand den Eintopf nicht essen kann, kämen die wenigsten auf die Idee, dieser Mensch müsse eben lernen, besser mit Eintopf zurechtzukommen. Vom Eintopf zum Buffet Katie Novak verwendet eine solche Dinner-Party-Analogie, um Universal Design for Learning (UDL) zu erklären. In ihrem Beispiel steht ein einziges vorbereitetes Gericht für eine Lernumgebung, in der alle…

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Die stärkste Verbindung zu meiner eigenen pädagogischen Arbeit entstand im Kurs bei der Frage nach Lernumgebungen. Aus einer australischen Längsschnittstudie zu autistischen Lernenden ist mir besonders die Erkenntnis geblieben, dass Teilhabe weit mehr bedeutet, als physisch in einer Schule oder einem Lernraum anwesend zu sein. Übergänge, Angst, sensorische Belastungen, Geräusche und Umweltanforderungen entscheiden mit darüber, ob jemand tatsächlich teilnehmen kann. Das klingt zunächst selbstverständlich. Trotzdem liegt ein großer Unterschied darin, wo die Verantwortung dafür verortet wird. Wenn ein Raum laut ist, Abläufe unvorhersehbar sind oder Kommunikation ausschließlich auf eine bestimmte Weise funktioniert, kann man von Lernenden verlangen, Strategien zu entwickeln, um…

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Die Beschäftigung mit Trauma gehörte für mich zu den eindrücklichsten Teilen des Kurses. Besonders beschäftigt hat mich, wie stark traumatische Erfahrungen mit alltäglichen sozialen und pädagogischen Situationen zusammenhängen können. Kerry J. Heckman beschreibt im Zusammenhang mit ADHS unter anderem wiederholte Kritik, Mobbing, schulische und soziale Schwierigkeiten, Ermahnungen durch Erwachsene und die Folgen für das Selbstwertgefühl. Lauren Gravitz zeigt für autistische Menschen, dass Ausgrenzung, Missbrauch, sensorische Überforderung oder Erfahrungen, die aus einer neurotypischen Perspektive vielleicht vergleichsweise harmlos erscheinen, langfristige traumatische Wirkung entfalten können. Das verändert den Blick darauf, was überhaupt als potenziell traumatisch wahrgenommen wird. Entscheidend ist nicht allein, wie dramatisch…

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