Credits: PetiteProf79 | CC BY-SA 4.0 InternationalIch beschäftige mich seit Jahren mit Lernumgebungen, der Zukunft des Lernens und der Frage, unter welchen Bedingungen Menschen gut lernen können. Universal Design for Learning und Neurodiversität sind für mich dagegen vergleichsweise neue Bezugsrahmen. Erst seit einigen Monaten setze ich mich intensiver damit auseinander. Dabei habe ich vor allem entdeckt, dass vieles von dem, was ich über lange Zeit aus meiner pädagogischen Haltung heraus entwickelt und gestaltet habe, erstaunlich gut zu diesen Ansätzen passt. Die Begriffe und Modelle waren neu für mich, viele der dahinterliegenden Gedanken waren es weniger. Mit dem Beginn meines aktuellen Kurses zu Individual Learning Needs hat sich mein Blick nun noch einmal verändert. Zum ersten Mal beschäftige ich mich ausführlicher mit dem Nervensystem und sensorischer Verarbeitung – und damit ist die Frage nach guten Lernbedingungen plötzlich sehr persönlich geworden.
Ich habe angefangen, genauer auf mich selbst zu schauen. Dabei wurde mir bewusst, wie viel ich über meine eigenen Bedingungen längst wusste, ohne diese einzelnen Beobachtungen miteinander zu verbinden. Ich weiß zum Beispiel seit Langem, dass ich gut arbeite, wenn ich selbst entscheiden kann, wann und wie ich etwas tue. Ich plane meine Aufgaben, setze mir häufig eigene Deadlines und nutze produktive Phasen sehr intensiv.
Autonomie, Fokus und soziale Energie
Gleichzeitig kann ich ausgesprochen flexibel reagieren. Zehn Jahre als Lehrerin haben mich darin ziemlich gut trainiert. Innerhalb kürzester Zeit umzuplanen, wenn eine Situation es verlangt, fällt mir nicht schwer. Erst jetzt wird mir deutlicher, dass diese Fähigkeit wenig darüber aussagt, wie sich solche Veränderungen auf mein Nervensystem auswirken. Wenn ich gerade hochkonzentriert arbeite und etwas meinen Fokus unterbricht, kann ich problemlos reagieren. Hinterher bin ich trotzdem unruhiger. Besonders deutlich merke ich das, wenn ich das Gefühl habe, durch etwas von einer Aufgabe abgehalten worden zu sein, die gerade wichtig und sinnvoll war.
Was mein Nervensystem unterstützt, kann ich inzwischen relativ konkret beschreiben. Ich mag wenige Menschen um mich herum, meine Katzen irgendwo in der Nähe, eine vertraute Umgebung, Ruhe und Licht, das nicht zu hell ist. Autonomie spielt dabei eine große Rolle. Seit Jahren arbeite ich weitgehend selbstorganisiert und habe dadurch viele Bedingungen geschaffen, die für mich gut funktionieren. Ich kann entscheiden, wann ich konzentriert arbeite, wann ich Termine lege und wie ich meinen Tag strukturiere. Wahrscheinlich habe ich lange unterschätzt, wie stark mich genau diese Selbstbestimmung unterstützt, weil sie für mich inzwischen selbstverständlich geworden ist.
Bei sozialer Interaktion ist es ähnlich komplex. Ich arbeite gerne mit Menschen, spreche gerne mit ihnen und nehme andere sehr aufmerksam wahr. Gleichzeitig kostet mich diese Auseinandersetzung viel Energie. Während meiner Zeit in der Schule waren täglich Hunderte Kinder um mich herum. Erst nachdem ich nicht mehr in diesem Umfeld gearbeitet habe, habe ich verstanden, wie erschöpfend das für mich gewesen sein muss. Heute kann ein intensiver Tag mit vielen Begegnungen dazu führen, dass ich mich noch Tage später erschöpft fühle. Eine volle U-Bahn oder eine anonyme Großstadt haben dagegen nicht denselben Effekt. Offenbar ist die bloße Anzahl von Menschen weniger entscheidend als die tatsächliche soziale und emotionale Auseinandersetzung mit ihnen. Ich habe oft das Gefühl, sehr viel von anderen wahrzunehmen und weiterzuverarbeiten.
Welche Reize passen – und wann?
Auch meine sensorische Verarbeitung lässt sich nicht sinnvoll mit „Ich brauche wenig Reize“ zusammenfassen. Einige intensive Reize empfinde ich ausgesprochen angenehm. Ich gehe meistens schneller als andere Menschen und mag es selten, langsam zu schlendern. Ich mag schwere Decken. Musik, die direkt über meine Hörgeräte oder Kopfhörer kommt, kann meine Gedanken bündeln. Normalerweise fühlt es sich in meinem Kopf eher an, als wären hundert Browser-Tabs gleichzeitig geöffnet und von irgendwoher komme Musik – von welchem Tab muss ich jedoch suchen. Bestimmte mehrdimensionale Sounds können dieses innere Durcheinander erstaunlich schnell beruhigen. Podcasts höre ich häufig lieber mit ungefähr 1,3-facher Geschwindigkeit, weil ich mich dann besser konzentrieren kann. Bass, den ich körperlich spüre, Vibration und Motorgeräusche können ebenfalls sehr angenehm sein.
Andere Reize wirken völlig anders. Stundenlanges Sägen beim Nachbarn kann mich aus der Konzentration bringen, Kindergeschrei empfinde ich als sehr anstrengend. Helles Licht mag ich wenig. Meine Wohnung besteht inzwischen aus vielen indirekten und dimmbaren Lichtquellen, alle Geräte laufen im Dark Mode, draußen greife ich schnell zur Sonnenbrille. Auch Berührung ist stark davon abhängig, ob ich sie möchte. Unerwartete Berührungen durch fremde Menschen oder Bekannte sind häufig unangenehm. Nähe, die ich selbst suche, fühlt sich anders an.
Für mich zeichnet sich deshalb immer deutlicher ab, dass die Intensität eines Reizes allein wenig erklärt. Entscheidend ist häufig, ob ich ihn vorhersehen kann, ob er für mich in der Situation passt und wie viel Einfluss ich darauf habe. Ein starker Bass kann beruhigend sein, ein deutlich leiseres, aber unkontrollierbares Geräusch kann mich gleichzeitig erheblich belasten. Sensorische Verarbeitung erscheint mir dadurch viel weniger linear, als ich zunächst angenommen hatte. Auch mein eigenes Sensory Profile bildet kein einfaches Muster ab. Ich zeige erhöhte Sensitivität und vermeide bestimmte Reize aktiv, während ich andere intensive Formen von Stimulation gezielt suche. Einzelne Aspekte von Low Registration kommen ebenfalls vor. Sobald man sich die konkreten Situationen ansieht, wirkt das nicht mehr widersprüchlich.
Wenn der Körper früher Bescheid weiß
Im Kurs beschäftige ich mich außerdem damit, wie sich Belastung im eigenen Nervensystem bemerkbar macht. Auch hier habe ich begonnen, bekannte Erfahrungen anders zu lesen. Zunächst werde ich oft unruhig und ungeduldig. Manchmal räuspere ich mich auffällig häufig. Wenn die Erschöpfung größer wird, verändert sich mein Zustand. Dann fühlt es sich an, als wäre ich in Watte eingepackt. Mein Körper wird schwer, meine Aufnahmefähigkeit sinkt, Denken braucht mehr Energie.
Interessanterweise weiß ich meistens ziemlich genau, was helfen würde: Bewegung, kurz aufs Laufband, mit meinen Katzen spielen, kochen, aufräumen, irgendetwas tun, das nichts mit meiner aktuellen Arbeit zu tun hat. Trotzdem bleibe ich häufig sitzen, weil ich sehe, was noch erledigt werden muss. Genau darin liegt für mich ein persönliches Lernziel. Die Signale wahrzunehmen gelingt mir bereits ziemlich gut. Ihnen rechtzeitig zu folgen, ist etwas anderes.
Was Bedingungen mit Lernen machen
Die Auswirkungen auf mein Lernen und Arbeiten sind deutlich. Wenn die Bedingungen stimmen, bin ich schnell. Ich verbinde Informationen aus unterschiedlichen Bereichen miteinander, entwickle neue Gedanken und werde beim Lernen oft immer neugieriger. Es erinnert mich an die Zeit, in der ich in einem Lexikon in der Unibibliothek ein unbekanntes Wort nachgeschlagen habe, dabei auf ein weiteres gestoßen bin und irgendwann völlig woanders gelandet bin. Genau in solchen Phasen entstehen häufig meine besten Ideen. Ich kann sehr kreativ und leidenschaftlich arbeiten und viel aufnehmen.
Unter ungünstigen Bedingungen verschwinden diese Fähigkeiten nicht. Alles kostet nur erheblich mehr Zeit und Energie. Ich nehme weniger auf, übersehe eher einmal einen Flüchtigkeitsfehler und brauche länger, um dieselbe Qualität zu erreichen. Mein Bild von mir selbst verändert sich dadurch nicht. Ich weiß, was ich kann. Frustrierend sind die Bedingungen, die unnötig viel Kapazität binden.
UDL bekommt eine weitere Ebene
Hier bekommt Universal Design for Learning für mich noch einmal eine andere Bedeutung. Als ich mich vor einigen Monaten intensiver mit UDL beschäftigte, stellte ich fest, dass ich viele seiner Grundideen längst in meinen Lernumgebungen berücksichtigt hatte: verschiedene Zugänge, Wahlmöglichkeiten, unterschiedliche Formen der Beteiligung und Möglichkeiten, Lernen sichtbar zu machen. Die Beschäftigung mit dem menschlichen Nervensystem und sensorischer Verarbeitung ergänzt diese Perspektive um etwas, das sich leicht übersehen lässt.
Zugang hängt auch davon ab, wie ein Raum klingt, wie hell er ist, ob Bewegung möglich ist, wie dicht soziale Interaktion angelegt ist oder ob Menschen sich kurz zurückziehen können. Engagement steht in einem Verhältnis zu Autonomie, Sinn, Tempo und Regulation. Und wenn ein großer Teil der eigenen Kapazität bereits dafür gebraucht wird, sensorische oder soziale Belastung zu verarbeiten, verändert das zwangsläufig, was im jeweiligen Moment sichtbar werden kann.
Verhalten als Information lesen
Diese Einsicht verändert auch meinen Blick auf neurodiversitätsaffirmierende Praxis. Wenn ich künftig mit einer neuen Gruppe arbeite, möchte ich Verhalten stärker als Information lesen, bevor ich ihm eine Erklärung gebe. Ein Kind, das ständig aufsteht, teilt mir möglicherweise etwas über seine Bedürfnisse mit. Ein anderes beteiligt sich vielleicht weniger, weil die Form der Beteiligung anstrengend ist. Vielleicht ist ein Raum zu laut, ein Übergang zu unvorhersehbar oder die soziale Dichte gerade zu hoch. Vielleicht hilft ein bestimmter Platz, Bewegung, ein Kopfhörer, eine Pause oder das Wissen darüber, was als Nächstes kommt. Ich muss nicht im Voraus wissen, welche Erklärung zutrifft. Entscheidend ist zunächst, nicht vorschnell eine Zuschreibung daraus zu machen.
Für meine Praxis ergibt sich daraus ein Vorgehen, das eigentlich sehr einfach klingt und vermutlich gerade deshalb anspruchsvoll ist: beobachten, fragen, zuhören und Optionen anbieten. Möglichst früh sichtbar machen, welche Wahlmöglichkeiten es gibt. Abläufe und Übergänge transparent gestalten. Bewegung, unterschiedliche Orte, verschiedene Formen der Beteiligung und Rückzug nicht erst dann ermöglichen, wenn jemand dafür eine besondere Begründung liefert. Anschließend gemeinsam schauen, was funktioniert und was verändert werden sollte.
Für mich verschiebt sich dadurch auch die Frage. Es geht nicht darum, was mit einem Kind vermeintlich „nicht stimmt“. Wichtig ist, welche Bedingungen diesem Kind helfen, sich zu regulieren, Zugang zu finden und das zeigen zu können, was in ihm steckt.
Lernumgebungen mit mehr Spielraum
Für die Lernumgebungen, die ich selbst entwickle, eröffnet das ebenfalls neue Fragen. Beim Future:Lab Stuttgart habe ich bereits aus einer neurodiversitätsinformierten und intersektionalen Perspektive auf Raum, Konzept und Materialien geschaut. Sensorische Bedürfnisse geben mir nun eine weitere Ebene, auf der ich genauer werden kann.
Bei Online-Kursen entstehen andere Fragen: visuelle Dichte, Audio und Video, Tempo, Bildschirmzeit, Pausen und die Frage, wie viel Kontrolle Teilnehmende darüber haben, wie sie sich beteiligen. Auch virtuelle Lernräume interessieren mich inzwischen unter diesem Blickwinkel. Ich fühle mich selbst sehr wohl in virtuellen Räumen und merke gleichzeitig, dass ihre Gestaltung meine Erfahrung deutlich beeinflusst. Daraus ergeben sich Fragen nach Nähe, Bewegung, Geräuschen, visueller Komplexität und individuellen Einstellungsmöglichkeiten, die für zukünftige Lernumgebungen ausgesprochen relevant sein könnten.
Mein eigenes Nervensystem liefert dafür keine Vorlage. Das wäre wahrscheinlich aber auch die falsche Schlussfolgerung aus dieser Auseinandersetzung. Was für mich regulierend wirkt, kann für ein Kind oder eine andere erwachsene Person ausgesprochen unangenehm sein. Die Erkenntnis liegt für mich vielmehr darin, wie stark Bedingungen beeinflussen können, welche Fähigkeiten in einer Situation überhaupt zugänglich werden.
Wenn wir das ernst nehmen, brauchen wir weniger Vorstellungen von der einen optimalen Lernumgebung und mehr Möglichkeiten innerhalb von Lernumgebungen. Neurodiversitätsaffirmierende Gestaltung beginnt für mich deshalb zunehmend dort, wo Unterschiede nicht erst sichtbar werden müssen, um berücksichtigt zu werden.
Bildquellen
- Nervensystem: PetiteProf79 | CC BY-SA 4.0 International
- Neurodiversität: PetiteProf79 | CC BY-SA 4.0 International

