In der ersten aufgezeichneten Videolecture meiner neuen Ausbildung zur Trainerin für Neurodiversität und Inklusion bei der Positive Psychology Guild in Großbritannien fiel ein Gedanke, der mich nicht mehr losgelassen hat. Reece Coker sprach über das medizinische und das soziale Modell von Behinderung und Neurodivergenz und über eine Schwierigkeit, die immer deutlicher wird, je länger man sich mit unterschiedlichen neurokognitiven Profilen beschäftigt: Wo genau hört das eine auf und wo beginnt das andere? ADHS und Autismus überschneiden sich in manchen Bereichen, Dyslexie kann mit anderen Formen neurodivergenter Informationsverarbeitung zusammen auftreten, Hochbegabung kann Merkmale zeigen, die von außen wiederum ganz anders gelesen werden, und bei Twice Exceptionality treffen hohe kognitive Fähigkeiten und Unterstützungsbedarfe ohnehin auf eine Weise zusammen, die sich einfachen Kategorien entzieht. Innerhalb derselben Diagnose unterscheiden sich Menschen mitunter stärker voneinander, als es die gemeinsame Bezeichnung vermuten lässt. Coker brachte in diesem Zusammenhang die Idee eines Periodensystems der Neurodiversität ins Spiel. Keine fertige Theorie, die ich einfach hätte übernehmen können, eher eine Denkfigur. Gerade deshalb fand ich sie spannend.
Nach der Vorlesung ging ich mit dieser Idee in den Austausch mit ChatGPT. Zunächst war gar nicht klar, was ein solches Periodensystem eigentlich enthalten müsste. Diagnosen als einzelne Elemente zu verwenden, lag nahe: Autismus, ADHS, Dyslexie, Dyspraxie, Tourette, Hochbegabung und weitere Kategorien, jeweils in einem eigenen Kästchen. Je länger ich darüber nachdachte, desto weniger überzeugte mich genau diese Variante. Sie hätte lediglich die vertraute diagnostische Ordnung in eine andere grafische Form gebracht. Menschen wären weiterhin einem Kästchen zugeordnet worden oder hätten sich fragen müssen, welche Kombination von Kästchen am ehesten auf sie zutrifft. Die eigentliche Irritation aus der Lecture wäre damit verschwunden: Vielleicht sind es gerade die Grenzen zwischen den Kategorien, die wir genauer betrachten müssen.
Credits: Stephanie Wössner | CC BY-SA 4.0 International
Diagnosen sind wichtig – und trotzdem nicht die ganze Erklärung
Diagnostische Kategorien haben gute Gründe. Das möchte ich ausdrücklich nicht relativieren. Eine Diagnose kann Erfahrungen einordnen, Selbstverständnis ermöglichen, Menschen mit anderen in Verbindung bringen, Zugang zu medizinischer oder therapeutischer Versorgung eröffnen und rechtliche Ansprüche oder Nachteilsausgleiche begründen. Für manche Menschen verändert eine Diagnose rückblickend die Interpretation eines großen Teils ihres Lebens. Verhalten, das über Jahre als mangelnde Anstrengung, Überempfindlichkeit, Unzuverlässigkeit oder persönliche Unzulänglichkeit gelesen wurde, erhält plötzlich einen anderen Kontext. Auch für Forschung und spezialisierte Versorgung brauchen wir Begriffe, mit denen wiederkehrende Muster beschrieben werden können.
Trotzdem bleibt eine Spannung bestehen. Die Kategorien, die wir benötigen, um bestimmte Muster zu erkennen und Unterstützung zu organisieren, sind nicht identisch mit den Grenzen menschlicher Neurokognition. Aufmerksamkeit, sensorische Verarbeitung, Sprache, Arbeitsgedächtnis, Motorik, emotionale Regulation, Mustererkennung, kognitive Flexibilität oder die Intensität von Interessen halten sich nicht an diagnostische Zuständigkeiten. Menschen bringen unterschiedliche Kombinationen und Ausprägungen mit. Manches erscheint in mehreren diagnostischen Profilen, anderes nur bei einem Teil der Menschen innerhalb derselben Diagnose. Manche Eigenschaften fallen erst unter Belastung auf, andere verschwinden beinahe, wenn Umgebung und Anforderungen gut passen. Hinzu kommen Entwicklung, Erfahrungen, aktuelle Verfassung, Stress, Sicherheit, Beziehungen, Maskierung und Kompensation. Aus einer Diagnose lässt sich deshalb nie vollständig ableiten, wie ein bestimmter Mensch in einer bestimmten Situation wahrnimmt, lernt oder handelt.
Von Diagnosen zu neurokognitiven Konstellationen
Genau hier begann für mich das Periodensystem interessant zu werden. Wir haben im Austausch die Diagnosen aus den Kästchen entfernt und stattdessen Dimensionen neurokognitiver Vielfalt hineingesetzt: sensorische Empfindlichkeit, Reizsuche und Reizfilterung; Aufmerksamkeitssteuerung, Daueraufmerksamkeit und Hyperfokus; Arbeitsgedächtnis, kognitive Flexibilität und Zeitwahrnehmung; Mustererkennung, Verarbeitungstiefe, Verarbeitungsgeschwindigkeit, kreatives und systemisches Denken; Sprachverarbeitung, Motorplanung, Emotionsregulation, Interessenintensität, Autonomiebedürfnis und Playfulness. Auch Aspekte, die im Zusammenhang mit Hochbegabung und Twice Exceptionality relevant sein können, fanden darin Platz, etwa kognitive Komplexität, Lerngeschwindigkeit, intensive Interessen oder perfektionistische Tendenzen. Keiner dieser Begriffe ersetzt oder ermöglicht eine Diagnose. Interessant ist vielmehr die jeweilige Konstellation.
Ein Mensch kann sehr komplex denken und zugleich Schwierigkeiten mit Planung oder Arbeitsgedächtnis haben. Jemand kann außerordentlich schnell Zusammenhänge erfassen und dennoch viel Zeit für Übergänge benötigen. Hyperfokus widerspricht fehlender Aufmerksamkeitssteuerung nicht; gerade die Frage, wie willentlich Aufmerksamkeit gelenkt und wieder gelöst werden kann, verändert die Perspektive. Sensorische Sensitivität kann unter bestimmten Bedingungen erheblich belasten und in einem anderen Umfeld kaum auffallen oder eine differenzierte Wahrnehmung ermöglichen. Auch Perfektionismus lässt sich nicht sinnvoll als isolierte Stärke oder Schwierigkeit einordnen. Er kann mit hohen eigenen Ansprüchen, Fehlerempfindlichkeit, Erfahrungen, Unsicherheit oder dem Bedürfnis nach Kontrolle verbunden sein. Die einzelnen Elemente erklären wenig. Erst ihr Zusammenspiel, ihre jeweilige Ausprägung und der Kontext ergeben ein Profil.
Ein Profil existiert nie losgelöst vom Kontext
Dabei stößt die Metapher des Periodensystems selbst an eine Grenze. Chemische Elemente sind vergleichsweise stabil. Menschliche Neurokognition zeigt sich nicht unabhängig von Biologie, Situation und Lebensgeschichte. Deshalb musste das Bild um eine weitere Ebene ergänzt werden: Entwicklung und Lebensphase, aktuelle Verfassung, Umwelt und Barrieren, Unterstützung, Erfahrungen, Kultur und Sprache, Beziehungen, Sicherheit und Zugehörigkeit, Maskierung und Kompensation. Ein Profil existiert nicht losgelöst davon. Was für andere sichtbar wird, ist immer auch Ergebnis einer Situation. Ein Mensch kann über bestimmte Fähigkeiten verfügen und in einem Zustand hoher Belastung zeitweise keinen Zugang zu ihnen haben. Ebenso kann eine Umgebung Barrieren verstärken oder reduzieren. Das verändert die Person nicht beliebig, verändert aber, was möglich wird.
An dieser Stelle führt der Gedanke für mich zurück zum Verhältnis von medizinischem und sozialem Modell. Das medizinische Modell richtet den Blick stärker auf individuelle Merkmale und Beeinträchtigungen, das soziale Modell auf Barrieren und Strukturen, durch die Unterschiede überhaupt erst zu Behinderungen werden oder verstärkt werden können. Für die Frage nach Neurodiversität reicht keine der beiden Perspektiven allein. Neurokognitive Unterschiede sind real. Ebenso real sind Umwelten, die bestimmte Formen des Wahrnehmens, Kommunizierens oder Arbeitens voraussetzen und andere erschweren. Interessant wird das Verhältnis dazwischen: Welche Anforderungen treffen auf welches Profil? Welche Unterstützung steht zur Verfügung? Welche Anpassungsleistung wird stillschweigend von der Person erwartet? Und wer entscheidet eigentlich, welche Form der Anpassung als selbstverständlich gilt? Klar ist jedoch: der Mensch muss im Mittelpunkt stehen.
Wenn Diagnosen zur Eintrittskarte werden
Damit verändert sich auch der Blick auf Diagnosen noch einmal. Wenn Unterstützung in unserer Gesellschaft häufig an eine Diagnose gekoppelt ist, wird die Diagnose zur Zugangsvoraussetzung. Wer einen Nachteilsausgleich, bestimmte Hilfsmittel oder andere Formen institutioneller Unterstützung benötigt, muss häufig erst nachweisen, einer anerkannten Kategorie anzugehören. Dafür gibt es nachvollziehbare Gründe. Ressourcen müssen verteilt werden, medizinische Interventionen brauchen fachliche Indikationen, rechtliche Ansprüche benötigen Kriterien. Trotzdem können wir fragen, welche Barrieren wir dadurch selbst erzeugen. Was passiert mit Menschen, die lange auf eine Diagnostik warten? Mit Personen, deren Profil weniger stereotyp erscheint? Mit Menschen, die Unterstützung benötigen, aber keine Diagnose anstreben oder keinen Zugang dazu haben? Und warum braucht jemand für manche sehr einfachen Veränderungen überhaupt eine medizinische Legitimation?
Gerade für Bildung und Arbeitswelt finde ich diese Frage zentral. Viele Formen hilfreicher Gestaltung müssen nicht exklusiv an eine Diagnose gebunden sein. Unterschiedliche Möglichkeiten, Informationen aufzunehmen und Ergebnisse auszudrücken, klare Strukturen, transparente Erwartungen, visuelle Unterstützung, Möglichkeiten zur Reizreduktion, Pausen, assistive Technologien, Wahlmöglichkeiten oder Formen der Co-Regulation können verfügbar sein, bevor jemand nachweisen muss, warum er oder sie sie benötigt. Universal Design for Learning passt für mich deshalb sehr gut in diese Weiterentwicklung des Periodensystems. UDL ist hier weniger eine weitere Kategorie als eine Antwort auf die sichtbare Vielfalt: Wenn wir von variablen Profilen ausgehen, gestalten wir Lernumgebungen von Beginn an so, dass Variation mitgedacht ist.
Das bedeutet nicht, dass jede Unterstützung ohne Prüfung unbegrenzt verfügbar sein kann oder dass Diagnostik ihre Bedeutung verliert. Eine Gesellschaft ohne jede Form kategorialer Entscheidung ist kaum realistisch, und bei medizinischer oder spezialisierter therapeutischer Versorgung bleiben Diagnosen wichtig. Trotzdem lässt sich die Schwelle verschieben. Nicht jedes Bedürfnis muss zunächst pathologisiert oder diagnostisch bestätigt werden, bevor darauf reagiert werden darf. Eine inklusive Gesellschaft könnte stärker unterscheiden zwischen Unterstützung, für die tatsächlich eine fachliche Diagnose notwendig ist, und Gestaltungsmöglichkeiten, die Menschen unabhängig von einem Label zugänglich sein können. Diagnosen wären dann weiterhin wichtig, aber sie wären weniger häufig die Eintrittskarte dafür, dass Bedürfnisse überhaupt als legitim gelten.
Ein Denkraum statt eines neuen Ordnungssystems
Das Periodensystem der Neurodiversität ist für mich kein neues diagnostisches Modell. Es soll Menschen nicht genauer sortieren. Es ist eine Visualisierung, mit der sich gerade die Uneindeutigkeit sichtbar machen lässt: Überschneidungen, ungleichmäßige Profile, unterschiedliche Konstellationen und die Abhängigkeit ihrer Bedeutung vom Kontext. Bekannte Diagnosen können bestimmte wiederkehrende Muster innerhalb dieses Raums beschreiben. Sie sind dadurch weder falsch noch unwichtig. Sie schöpfen diesen Raum nur nicht vollständig aus.
Und vielleicht verändert sich damit auch die Ausgangsfrage. Statt zuerst zu fragen, welche Diagnose einen Menschen erklärt, könnten wir häufiger fragen: Wie sieht dieses individuelle Profil aus? Was funktioniert unter welchen Bedingungen? Wo entstehen Barrieren? Welche Unterstützung verändert tatsächlich etwas? Für welche Entscheidungen brauchen wir eine diagnostische Kategorie, und wo halten wir an ihr fest, weil unsere Systeme bisher so organisiert sind?
Das Periodensystem gibt darauf keine fertige Antwort. Für mich macht gerade das seinen Wert aus. Es ist aus einer Idee von Reece Coker, meinem eigenen Weiterdenken und einem kollaborativen Prozess mit ChatGPT entstanden. Kein Endpunkt, eher ein Denkraum für eine Gesellschaft, in der menschliche Vielfalt nicht erst dann anerkannt wird, wenn sie eine offizielle Bezeichnung erhalten hat.
Bildquellen
- Periodensystem der Neurodiversität: Stephanie Wössner | CC BY-SA 4.0 International
- Neurodiversität: PetiteProf79 | CC BY-SA 4.0 International

