Zugänglichkeit ohne Verflachung: Was UDL und Dual Differentiation an meinem Blick auf Lernumgebungen geschärft haben

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Credits: PetiteProf79 | CC BY-SA 4.0 InternationalUniversal Design for Learning war für mich keine Entdeckung einer völlig neuen pädagogischen Welt. Vieles daran passt zu meinem bisherigen Verständnis von Lernen: Lernende unterscheiden sich, diese Unterschiede sind erwartbar, und Lernumgebungen sollten mit dieser Variabilität rechnen, bevor einzelne Menschen als Abweichung vom vorgesehenen Ablauf erscheinen. Neu war für mich eher die Präzision, mit der UDL diese Haltung in konkrete Gestaltungsfragen übersetzt.

Das ist beispielsweise im Zusammenhang mit Hochbegabung und 2e relevant. Zugänglichkeit wird im Bildungskontext noch immer schnell mit Vereinfachung verwechselt. Wer Unterstützung benötigt, erhält leichtere Aufgaben, weniger Inhalt oder reduzierte Erwartungen. Bei einem 2e-Profil kann genau das am Bedarf vorbeigehen. Schwierigkeiten mit Lesen, Schreiben, Aufmerksamkeit, Organisation, sensorischer Verarbeitung oder Kommunikation sagen zunächst wenig darüber aus, auf welchem konzeptionellen Niveau jemand denken kann. Unterstützung muss deshalb nicht bedeuten, intellektuelle Komplexität zu reduzieren.

Hier wurde für mich das Konzept der dual differentiation besonders wichtig. Herausforderung und Unterstützung werden gemeinsam gedacht. Eine Person kann mehr Struktur benötigen und komplexere Inhalte. Sie kann assistive Technologien nutzen und abstrakte Probleme bearbeiten. Sie kann mehr Zeit für bestimmte Formen der Bearbeitung brauchen und gedanklich weit über das vorgesehene Niveau hinausgehen. Sobald diese Möglichkeiten nicht mehr als Widerspruch erscheinen, verändert sich die Gestaltung von Lernumgebungen erheblich.

Barrieren entstehen im Design

UDL verschiebt dabei einen Teil der Aufmerksamkeit von der Person auf die Lernumgebung. Wenn Informationen ausschließlich in einer Form zugänglich sind, wenn Beteiligung an eine bestimmte Kommunikationsweise gebunden wird oder wenn Kompetenz nur durch ein eng definiertes Produkt sichtbar werden darf, erzeugt das Design selbst Barrieren. Verschiedene Zugänge zu Inhalten, unterschiedliche Formen von Beteiligung und mehrere Möglichkeiten, Denken und Lernen auszudrücken, sind dann keine nachträgliche Sonderlösung für einzelne Lernende. Sie gehören zur Planung.

Diese Perspektive ist für mich eng mit einem neurodiversitätsaffirmierenden Verständnis verbunden. Sie fragt weniger danach, wie gut eine Person in einen bestehenden Ablauf passt, und stärker danach, welche Bedingungen Lernen ermöglichen oder erschweren. Damit verschwinden individuelle Unterstützungsbedarfe keineswegs. Eine Umweltperspektive darf nicht dazu führen, Behinderungen, Belastungen oder konkrete Hilfebedarfe kleinzureden. Sie verhindert lediglich, dass jede Schwierigkeit automatisch als Eigenschaft eines Menschen behandelt wird.

Gerade hier finde ich die Verbindung zwischen UDL und 2e produktiv. Ein Mensch kann in einem Bereich eine spezifische Unterstützung brauchen, ohne dass daraus eine Aussage über sein gesamtes Lernpotenzial folgt. Die Unterscheidung zwischen skill level und conceptual level ist dafür ausgesprochen hilfreich. Wer Schwierigkeiten mit einer bestimmten Fertigkeit hat, muss deshalb nicht auf einem niedrigeren gedanklichen Niveau arbeiten.

Wie weit reicht Wahlfreiheit?

An einer Stelle bleibt UDL für mich dennoch unvollständig. Das Framework kann sehr unterschiedliche Zugänge zu einem vorgegebenen Lernziel ermöglichen. Damit ist noch nicht geklärt, wer dieses Ziel festgelegt hat und ob Lernende darauf Einfluss haben. Auch ein hervorragend zugängliches Lernarrangement kann extern gesteuert bleiben.

Deshalb wurde für mich im Verlauf des Kurses die Verbindung zu learner voice und co-agency immer wichtiger. Wahlmöglichkeiten interessieren mich dort, wo sie reale Bedeutung haben. Drei vorgegebene Formate zur Bearbeitung derselben Aufgabe können sinnvoll sein. Agency beginnt für mich jedoch nicht bei einem Menü von Optionen. Sie betrifft auch Fragen, Ziele, Methoden, Beziehungen und die Möglichkeit, eine gesetzte Richtung infrage zu stellen. Feedback wird erst dann zu Beteiligung, wenn es etwas verändern kann.

Diese Überlegung reicht über Hochbegabung und 2e hinaus. Sie berührt mein grundsätzliches Verständnis von Lernen. Ich möchte Lernumgebungen nicht perfektionieren, damit immer unterschiedlichere Menschen möglichst reibungslos durch dieselben vorgegebenen Strukturen kommen. Mich interessiert, wie Strukturen selbst veränderbar werden und wie Lernende an dieser Veränderung beteiligt werden können.

UDL ist für mich deshalb nach dem Kurs ein hilfreiches Werkzeug, aber kein vollständiges pädagogisches Modell oder die eine Lösung. Es hilft mir, Barrieren systematischer zu erkennen, Zugang und intellektuelle Herausforderung getrennt voneinander zu denken und Lernendenvariabilität bereits im Design zu berücksichtigen. Die weitergehende Frage bleibt bestehen: Wer darf mitgestalten, was Lernen überhaupt sein soll?

Zum Weiterlesen

CAST (2024): Universal Design for Learning Guidelines 3.0. UDL Guidelines

Meyer, Anne & David H. Rose, ed. David Gordon (2025): Universal Design for Learning: Principles, Framework, and Practice, 3rd ed. CAST

Lewis, Katie D. & Molly E. Milam (2026): “Powerful Learning: Dual Differentiation for Twice-Exceptional Learners.” Sage Journal

Bildquellen

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