Die Zukunft des Lernens ist nicht digital, sondern menschlich

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Diese Textfassung bietet einen zusätzlichen, linearen Zugang zu den Inhalten meines Vortrags Die Zukunft des Lernens ist nicht digital, sondern menschlich! – Zukunftsorientiertes Lernen für eine lebenswerte Zukunft.

Menschen verarbeiten Informationen unterschiedlich. Manche orientieren sich leichter an visuellen Darstellungen, andere an zusammenhängendem Text; manche möchten Inhalte vor oder nach einem Vortrag in Ruhe nachlesen oder beim Verarbeiten ihr eigenes Tempo wählen. Gerade mit Blick auf Neurodiversität ist es mir wichtig, nicht von einem einzigen „richtigen“ Zugang auszugehen, sondern unterschiedliche Möglichkeiten anzubieten.

Die Textfassung ergänzt deshalb meinen Foliensatz. Sie ist keine Mitschrift des Vortrags, sondern eine eigenständige, lineare Aufbereitung der zentralen Inhalte. Je nach Anlass, Zielgruppe und verfügbarem Zeitrahmen werden einzelne Themen und Beispiele im Vortrag unterschiedlich ausführlich behandelt. Diese Fassung orientiert sich an der ausführlichen Version der Folien und enthält deshalb auch Vertiefungen, die in kürzeren Vortragsformaten gegebenenfalls nur angerissen werden. Die Folien selbst enthalten darüber hinaus weitere Beispiele sowie Links zu Podcasts, Videos und Lektüre.

Da die Textfassung auf meinem Blog bereitgestellt wird, können dort auch die jeweils verfügbaren Barrierefreiheitsfunktionen des Browsers bzw. der Webseite genutzt werden. So kann beispielsweise ein Screenreader genutzt oder der Text individuell vergrößert oder anders dargestellt werden.

Zugänglichkeit bedeutet für mich nicht, eine Sonderversion für einzelne Gruppen zu erstellen, sondern unterschiedliche Zugänge von Anfang an mitzudenken.

Warum wir über die Zukunft des Lernens sprechen müssen

Wenn wir heute über Bildung sprechen, tun wir das häufig im Krisenmodus. Studien zeigen Probleme, Lernende und Lernbegleitende erleben Belastung, und viele Debatten drehen sich darum, wie bestehende Strukturen stabilisiert werden können. Dabei greift es aus meiner Sicht zu kurz, lediglich einzelne Symptome zu behandeln. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Für welche Welt lernen junge Menschen heute – und welche Formen des Lernens brauchen sie, um in dieser Welt handlungsfähig zu sein und sie mitzugestalten?

Denn die Bildungskrise steht nicht für sich. Sie ist eingebettet in eine Vielzahl miteinander verflochtener Herausforderungen: ökologische, gesellschaftliche, wirtschaftliche, technologische und geopolitische Veränderungen treffen gleichzeitig aufeinander und verstärken sich gegenseitig. The Future:Project beschreibt dieses Phänomen als Omnikrise. Mir ist dabei wichtig, die Omnikrise nicht ausschließlich als Bedrohung zu betrachten. Vielmehr ist sie Symptom eines umfassenderen Epochenwandels: Vieles, was im Industriezeitalter selbstverständlich schien – Wachstum, Effizienz, Standardisierung, stabile Strukturen –, trägt nicht mehr automatisch in die Zukunft. Das Neue ist gleichzeitig noch nicht fertig. Es entsteht in einem Aushandlungsprozess, an dem wir alle beteiligt sind.

Für dieses entstehende Zeitalter verwende ich – angelehnt an das Future:System von The Future:Project – den Begriff menschliche Digitalität. Der Vorteil dieses Begriffs ist, dass er an Bekanntes, die Digitalität (Stalder) anknüpft, sie aber weiterentwickelt. Dies bietet uns durch eine Kontinuität Orientierung und Halt. Technologie wird weiterhin unsere Lebens-, Lern- und Arbeitswelten prägen. Entscheidend ist aber, welchen Platz wir ihr geben. Menschliche Digitalität bedeutet für mich, Technologie nicht zum Selbstzweck werden zu lassen, sondern sie dort einzusetzen, wo sie menschliche Entwicklung, Teilhabe, Beziehungen und Gestaltungsmöglichkeiten unterstützt. Das verlangt mehr als neue Geräte oder neue Anwendungen. Es verlangt veränderte Denkweisen, Prozesse und Haltungen. Genau deshalb ist auch Bildungstransformation nicht mit Digitalisierung gleichzusetzen. Die Herausforderungen unserer komplexen Gegenwart können wir nicht mit einfachen Maßnahmen wie der Digitalitisierung, Smartphone- oder Social-Media-Verboten bewältigen – und schon gar nicht durch eine Abkehr von Digitalisierung, wie sie vermeintlich derzeit in skandinavischen Ländern stattfindet.

Ein Blick auf die Arbeitswelt zeigt, wie grundlegend dieser Wandel ist. Die Metastudie Next Economy: Brücken in die Zukunft der Wirtschaft beschreibt keine fertige Wirtschaftsordnung und liefert keine Vorhersage darüber, wie die Zukunft aussehen wird. Sie versteht die Next Economy vielmehr als Entwicklungs- und Möglichkeitsraum. Alte und neue Wirtschaftslogiken existieren gleichzeitig, erzeugen Reibung und machen Suchbewegungen notwendig. Im Zentrum stehen dabei unter anderem Wirksamkeit, Regeneration, Resilienz, Humandigitalität und Kooperation.

Damit verändert sich auch, was Menschen benötigen, um in der Arbeitswelt und darüber hinaus handlungsfähig zu bleiben. Wissen und einmal erworbene Qualifikationen reichen nicht mehr für eine gesamte Erwerbsbiografie. Lernfähigkeit wird individuell und organisational zentral. Menschen müssen Wissen erneuern, Unsicherheit und Ambivalenz aushalten, kooperieren, kritisch urteilen, Verantwortung übernehmen und sich selbst wie auch gemeinsam mit anderen weiterentwickeln können. Bildung allein von beruflicher Verwertbarkeit her zu denken, wäre deshalb paradox. Die interessantere Frage ist nicht: Welche Arbeitskräfte braucht die Wirtschaft?, sondern: Was brauchen Menschen, um in einer komplexen Welt ein gutes Leben führen und diese Welt verantwortlich mitgestalten zu können?

Lernen damals, heute und morgen

Das Bild des industriellen Bildungssystems hilft dabei, einen Teil unseres gegenwärtigen Problems sichtbar zu machen. Schule ist in einer Zeit entstanden, in der Standardisierung, Hierarchie und Homogenität zentrale gesellschaftliche Organisationsprinzipien waren. Entsprechend prägen diese Logiken Bildung bis heute: Menschen gleichen Alters werden zu festgelegten Zeiten mit vergleichbaren Inhalten konfrontiert, Ergebnisse werden überprüft und miteinander verglichen, Lernwege weitgehend von außen bestimmt. Im Vortrag verwende ich dafür bewusst das Bild der „Fließband-Bildung“, das ich ursprünglich bei Ted Robinson zum ersten Mal gehört habe. Es geht mir dabei nicht darum, frühere Bildung pauschal abzuwerten, sondern darum, Strukturen sichtbar zu machen, die für eine andere gesellschaftliche Situation geschaffen wurden.

Mit der Digitalisierung hat sich die Welt grundlegend verändert, das Bildungssystem aber vielfach weniger, als es auf den ersten Blick scheint. Geräte, Lernplattformen, adaptive Systeme und inzwischen generative KI sind in Lernprozesse eingezogen, während grundlegende Logiken häufig bestehen bleiben. Technologie individualisiert dann vielleicht Aufgaben oder erleichtert bestimmte Abläufe, Lernziele, Bewertung und Verantwortung werden aber weiterhin von außen definiert. Im ungünstigsten Fall automatisieren wir alte Strukturen: Eine KI stellt Aufgaben, Lernende lösen sie mit KI, eine KI korrigiert sie und möglicherweise nutzen Lernende dann KI, um das Feedback besser zu verstehen – und der Mensch bleibt außen vor.

Zukunftsorientiertes Lernen setzt deshalb an einer anderen Stelle an. Es ist personalisiert und kompetenzorientiert, eröffnet Räume für Entwicklung und gibt Lernenden Verantwortung für ihren eigenen Lernprozess. Wissen wird nicht ausschließlich übernommen, sondern konstruiert, hinterfragt, verbunden und in neuen Kontexten eingesetzt. Lernbegleitende unterstützen diesen Prozess, statt ihn vorzugeben und die Lernziele werden von den Lernenden selbst bestimmt. Das übergreifende Ziel, der Bildungsauftrag, bleibt dabei erstaunlich zeitlos: die Welt verstehen und sie mitgestalten können. Neu ist vor allem, wie konsequent wir dieses Ziel angesichts einer komplexen, dynamischen Welt ernst nehmen müssen.

Schulische Bildung hat dafür eine besondere Bedeutung. Sie ist der Nährboden, aus dem viele weitere Bildungsbereiche ihre Stärke ziehen. Hier können Menschen Denkweisen, Werte und Kompetenzen entwickeln, die später in Gesellschaft, Wirtschaft und Gemeinschaft hineinwirken. Genau deshalb darf es nicht ausschließlich um messbare Leistung gehen. Bildung muss Räume schaffen, in denen Menschen Orientierung finden, Probleme lösen, kritisch denken, kreativ handeln, Verantwortung übernehmen und Selbstwirksamkeit erfahren können.

Agency, Co-Agency und ein innerer Kompass

Ein Modell, das für dieses Verständnis von Lernen hilfreich ist, ist das OECD Learning Framework 2030. Im Zentrum steht nicht ein festgelegter Katalog von „Zukunftskompetenzen“, die alle Menschen gleichermaßen entwickeln müssten. Wissen, Qualifikationen, Haltungen und Werte greifen in einem – wie auch immer gearteten Lernraum – ineinander und bilden bei jedem Menschen ein individuelles Kompetenzprofil. Entscheidend ist, daraus Handlungsfähigkeit und Handlungsbereitschaft zu entwickeln. In unserer aktuellen Welt, in der wir Demokratie wieder aktiv verteidigen müssen, kommt Haltungen und Werten, die entwickelt – nicht vorgegeben – werden, eine besondere Bedeutung zu.

Der Learning Compass macht diese Idee mit dem Bild eines inneren Kompasses sichtbar. Menschen brauchen Orientierung, um Entscheidungen treffen und mit Unsicherheit umgehen zu können und letztendlich dazu beizutragen, dass wir gesellschaftliches und individuelles, lokales und globales Wohlergehen – nicht Wohlstand im finanziellen Sinn! – erreichen können. Dieser Kompass wird nicht in der Schule auf dieses Ziel ausgerichtet: Eltern, Lernbegleitende, Peers, Gemeinschaft und Gesellschaft wirken daran mit. Ebenso wichtig ist der Prozess aus Antizipation, Handlung und Reflexion: Möglichkeiten vorausdenken, handeln, Erfahrungen reflektieren und daraus neue Entscheidungen entwickeln. So entwickeln sich nicht nur transformative Kompetenzen, sondern auch Werte, Verantwortung und die Fähigkeit, Spannungen auszuhalten.

Damit rückt Agency in den Mittelpunkt. Lernende sollen nicht bloß auf Entscheidungen reagieren, sondern sich selbst als handlungsfähig erleben und Verantwortung übernehmen dürfen. Die OECD beschreibt diesen Gedanken unter anderem in ihrer Concept Note zu Student Agency, die zusammen mit Kindern und Jugendlichen entstanden ist.

Agency bedeutet dabei nicht, dass junge Menschen alles allein entscheiden. Genau hier setzt Co-Agency an: Verantwortung und Gestaltung entstehen im Zusammenspiel mit anderen. Das Sun Model of Co-Agency macht unterschiedliche Formen von Beteiligung sichtbar – von Nichtbeteiligung und scheinbarer Beteiligung über von Erwachsenen gesteuerte Prozesse mit wachsendem Input von Lernenden bis hin zu Situationen, in denen junge Menschen selbst initiieren und Entscheidungen gemeinsam mit Erwachsenen treffen. In vielen Bildungssettings befinden wir uns aus meiner Sicht noch überwiegend dort, wo Erwachsene Rahmen, Ziele und Entscheidungen vorgeben und Lernende innerhalb dieser Strukturen beteiligt werden. Zukunftsorientiertes Lernen müsste weitergehen: Junge Menschen brauchen reale Möglichkeiten, selbst Initiative zu entwickeln und Verantwortung einzuüben. Dass sie dies können, beweisen Initiativen wie das World Child Forum und soziokratisch organisierten Schulen. Wenn wir diesen Schritt gehen würden, würden wir zugleich der UN-Kinderrechtskonvention von 1989 gerecht, die festhielt, dass Kinder und Jugendlichen an Entscheidungen, die sie betreffen, beteiligt sein müssen – und auch Chancengerechtigkeit kämen wir damit einen Schritt näher. Denn die Welt, in der wir zukünftig leben werden, wir nicht von einer Elite gestaltet, sondern muss aus Perspektiven aller Menschen entstehen.

Daraus folgen konkrete Konsequenzen für das Bildungssystem. Lernprozesse werden wichtiger als das Abarbeiten von Lehrplänen, Persönlichkeitsentwicklung wichtiger als die Reduktion von Bildung auf Leistung oder Berufsfähigkeit. Erfahrungsbasiertes Lernen, Selbstwirksamkeit und Selbstbestimmung sind dabei keineswegs neue Erfindungen. Vieles davon ist pädagogisch lange bekannt. Die Herausforderung besteht darin, entsprechende Prinzipien nicht als Ausnahme, sondern als Grundlage von Lernen zu verstehen.

Vielfalt nicht nachträglich ergänzen

Wenn wir sagen, der Mensch müsse im Mittelpunkt stehen, müssen wir sofort nachfragen: Welcher Mensch? Allzu häufig orientieren sich Systeme implizit an einem vermeintlichen Durchschnittsmenschen. Tatsächlich unterscheiden sich Menschen darin, wie sie wahrnehmen, denken, lernen, kommunizieren und mit ihrer Umwelt interagieren. Neurodiversität macht einen Teil dieser Unterschiede sichtbar. Hinzu kommt Superdiversität: unterschiedliche soziale, kulturelle, sprachliche und biografische Lebensrealitäten. Und diese Dimensionen existieren nicht unabhängig voneinander. Intersektionalität beschreibt, dass sie sich überschneiden und ihre Wirkungen gegenseitig beeinflussen können.

Die Konsequenz daraus kann nicht darin bestehen, für jede vermeintliche „Abweichung“ nachträglich eine Sonderlösung zu schaffen. Vielfalt muss von Beginn an mitgedacht werden. Unterschiedliche Zugänge, Wahlmöglichkeiten und Beteiligungsformen – beispielsweise im Sinne von Universal Design for Learning – kommen nicht nur einzelnen Gruppen zugute. Sie eröffnen mehr Menschen die Möglichkeit, auf eine Weise zu lernen, die zu ihnen und zur jeweiligen Situation passt. Und wenn Menschen unterschiedlich sind, kann es folgerichtig auch nicht den einen richtigen Ansatz für zukunftsorientiertes Lernen geben.

Zukunftsorientiertes Lernen hat viele Zugänge

Deshalb zeige ich im ausführlichen Vortrag bewusst unterschiedliche Ansätze. Manche sind technologisch geprägt, andere funktionieren vollständig ohne oder optional mit digitalen Technologien. Gemeinsam ist ihnen weniger eine bestimmte Methode als das, was sie darstellen: Denk-, Handlungs-, Gestaltungs- und Kommunikationsräume. Lernende bekommen Gelegenheiten, etwas auszuprobieren, Perspektiven zu wechseln, Entscheidungen zu treffen, Probleme zu lösen, mit anderen zusammenzuarbeiten und Zukunft nicht nur als etwas zu betrachten, das ihnen irgendwann widerfährt.

Die folgenden Beispiele werden je nach Vortragsformat unterschiedlich ausführlich behandelt.

Extended Reality: Räume erweitern

Extended Reality umfasst Augmented, Mixed und Virtual Reality. Entscheidend ist weniger die technische Abgrenzung als die Frage, was diese Technologien pädagogisch ermöglichen. AR erweitert die physische Umgebung um digitale Elemente. Mixed Reality verbindet physische und virtuelle Elemente stärker miteinander und stellt eine funktionale Erweiterung der physischen Welt dar. Virtual Reality erzeugt virtuelle Räume, in denen Menschen durch Immersion und Interaktion Präsenz und Handlungsfähigkeit erleben können. Solche Räume müssen dabei nicht zwangsläufig über eine VR-Brille zugänglich sein; auch virtuelle Welten am Bildschirm können räumliche Erfahrungen ermöglichen.

Interessant werden diese Technologien dort, wo Lernende nicht nur konsumieren, sondern gestalten. Im deutsch-französischen Projekt Grenzenlos: 360° Europa haben Jugendliche beispielsweise europäische Identität reflektiert und ihre Perspektiven in einem Rap und einem 360°-Musikvideo zum Ausdruck gebracht. Virtuelle und erweiterte Räume können so Perspektivwechsel, gemeinsames Gestalten und Begegnung ermöglichen.

Wer sich mit den pädagogischen Potenzialen von XR vertiefend beschäftigen möchte, findet dazu meinen Beitrag Next-level Learning: Die Potenziale von XR als Wegbereiter für eine Zukunft des Lernens. Ein möglicher Einstieg in die praktische Gestaltung ist beispielsweise Delightex Edu (Trialcode auf den Folien).

Game-based Learning: Lernen als aktive Erprobung

Game-based Learning ist mehr als Gamification oder der Einsatz klassischer Lernspiele. Es geht darum, Eigenschaften echter Spiele für Lernen nutzbar zu machen. Gute Spiele geben Menschen laut Jane McGonigal Ziele und Herausforderungen, Regeln (Informationstransparenz) und Feedback – vor allem aber Entscheidungsfreiheit. Spieler:innen übernehmen Verantwortung für ihren Weg, probieren Strategien aus, erleben unmittelbar Konsequenzen und dürfen aus Fehlern lernen, ohne dass Scheitern automatisch als Defizit markiert wird. Genau darin liegt ein wesentlicher Unterschied zu vielen traditionellen Lernsettings.

Spiele können dabei auf sehr unterschiedliche Weise genutzt werden: Sie können gespielt und analysiert werden, Impulse für neue Perspektiven geben oder selbst gestaltet werden. Ein Spiel wie Die Sims kann beispielsweise Ausgangspunkt sein, um über Identität und Diversität nachzudenken. Sandbox-Welten erlauben es, gesellschaftliche oder technische Prozesse abzubilden und eigene Lösungen zu entwickeln. Im Creative Gaming verschränken sich Spielen und Design besonders deutlich: Lernende werden von Konsument:innen zu Gestalter:innen.

Dadurch können ganz unterschiedliche Kompetenzen entstehen – soziale, kognitive, mediale, sensomotorische und persönlichkeitsbezogene. Entscheidend ist, dass Lernen zum Raum aktiver Erprobung wird. Das Toolkit Game-based Learning bietet dafür weitere Grundlagen. Sehenswert ist außerdem Mark Robers TEDx-Vortrag The Super Mario Effect – Tricking Your Brain into Learning More, der aufgreift, was sich verändert, wenn Fehler nicht als Scheitern, sondern als Teil eines selbstgewählten Problems erlebt werden.

Virtuelle Welten und das Metaverse: soziale Räume gestalten

Wenn ich über das Metaverse spreche, meine ich nicht eine bestimmte Plattform und auch nicht die Marketingversprechen einzelner Unternehmen. Das Metaverse existiert in dieser Form noch nicht. Interessant ist vielmehr die Idee eines räumlichen Nachfolgers des heutigen Internets: digitale Räume, in denen Menschen nicht nur Informationen abrufen, sondern sich als Avatare begegnen, handeln, gestalten, lernen und arbeiten.

Minecraft, Fortnite oder Roblox sind deshalb noch nicht „das Metaverse“, ebenso wenig Second Life. Sie zeigen aber einzelne Eigenschaften, die für diese Entwicklung relevant sind. Gerade Second Life hat schon früh sichtbar gemacht, dass virtuelle Welten soziale Räume sein können, in denen Menschen Zugehörigkeit, Identität, Teilhabe und Selbstbestimmung erleben. Damit sind virtuelle Welten pädagogisch weit mehr als Realitätsflucht. Sie können zusätzliche Lern-, Lebens- und Arbeitsräume eröffnen.

In Second Life sind beispielsweise auch schon drei von vier Technologien präsent, die wir heute im Kontext des Metaverse diskutieren: öffentliche Datenbanken (Blockchain), NFTs (virtuelle Assets wie Kleidung) und Kryptowährungen (Linden-Dollar). Lediglich die bereits vor vielen Jahren angestrebte Interoperabilität trennt damit Second Life vom Metaverse.

Mehr dazu habe ich im Beitrag Das Metaverse aus pädagogischer Perspektive zusammengestellt.

Künstliche Intelligenz: Human-Machine-Teamplay statt Automatisierung um jeden Preis

Bei Künstlicher Intelligenz interessiert mich weniger die Frage, wie möglichst viele bestehende Abläufe automatisiert werden können. Wenn KI vor allem eingesetzt wird, um überlastete Lernbegleitende zu entlasten, Lernende zu analysieren, Defizite zu markieren, Aufgaben zu generieren und Lösungen zu kontrollieren, bleibt das grundlegende Lernverständnis unverändert. Technologie macht dasselbe System dann lediglich (potenziell) effizienter.

Das größere Potenzial liegt für mich in einer anderen Rolle: KI kann zur Lernpartnerin werden. Sie kann Menschen dabei unterstützen, Fragen zu entwickeln, Perspektiven zu wechseln, Zusammenhänge zu erschließen, eigene Ideen weiterzuentwickeln und über längere Zeit personalisiert zu lernen. Dafür braucht es allerdings einen souveränen Umgang mit Daten und ein klares Verständnis davon, welche Entscheidungen wir an technische Systeme delegieren wollen – und welche nicht. Zukunftsorientierter KI-Einsatz sollte weder Lernenden noch Lernbegleitenden Verantwortung abnehmen, sondern ihre Handlungsfähigkeit stärken.

Bei The Future:Project beschreibe ich diese Perspektive unter anderem in Die KI-Chance. Einen weiteren Zukunftsentwurf bietet What School Could Be: A Vision for an AI-Enriched Future of Learning.

Design Thinking und Futures Thinking: Zukunft als Gestaltungsraum

Design Thinking verbindet Methode und Haltung. Ausgangspunkt ist nicht eine vorgefertigte Lösung, sondern ein Problem, das zunächst verstanden werden muss. Menschen analysieren Herausforderungen gemeinsam, wechseln Perspektiven, entwickeln Empathie für unterschiedliche Bedürfnisse, entwerfen Ideen, bauen Prototypen, testen und verändern sie. Lernen wird damit zu einem aktiven Gestaltungsprozess. Eine ausführlichere Auseinandersetzung damit findet sich in der Ausgabe Design Thinking von on. Lernen in der digitalen Welt.

Futures Thinking ergänzt diese Perspektive um die Zeitdimension und eine narrative Einbettung. Zukunft ist nicht einfach das, was als Nächstes kommt. Wir können mögliche, wahrscheinliche und insbesondere wünschenswerte Zukünfte ersinnen. Geschichten über mögliche Zukünfte helfen dabei, Annahmen sichtbar zu machen, Alternativen zu denken und die eigene Rolle darin zu verstehen. Schule und Ausbildung können dadurch Orte werden, an denen Menschen nicht lediglich auf Trends reagieren, sondern Zukunftsbilder entwickeln, bewerten und in konkrete Handlungsmöglichkeiten übersetzen. Dazu habe ich auch in Futures in Action gearbeitet.

Nachhaltige Entwicklung braucht auch innere Entwicklung

Die Sustainable Development Goals sind weit mehr als eine Liste von Nachhaltigkeitsthemen, die sich nacheinander „abhaken“ lassen. Sie können als Wertekompass verstanden werden, mit dem sich lokale und globale Wirkungen des eigenen Handelns betrachten lassen. Nachhaltigkeit umfasst dabei nicht nur Umwelt- und Klimafragen, sondern ebenso Gesundheit und Wohlergehen, Gerechtigkeit, Geschlechtergleichheit, Diversität, Teilhabe und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Erst wenn wir die globalen Ziel (vor)leben, werden sie in der Gesellschaft verankert.

Die Inner Development Goals setzen an der Frage an, welche persönliche Entwicklung Menschen brauchen, um nachhaltige Entwicklung überhaupt gestalten zu können. Dazu gehören beispielsweise die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität, kritisches Denken, der Umgang mit anderen Menschen, Kooperation und die Fähigkeit, Transformation mitzugestalten. Solche Entwicklungen können nicht einfach vermittelt oder abgeprüft werden. Menschen brauchen Räume, in denen sie entsprechende Erfahrungen machen können.

Wie beide zusammenhängen, zeigt der Artikel Human Upgrade von Matthias Horx. Wie sich das Individuum nicht länger isoliert, sondern als Teil der Gesellschaft entwickelt, erläutert Christian Schuldt in seinem Artikel Das nächste Ich.

Zukunftsorientierte Lernumgebungen sind mehr als Räume

Solche Erfahrungsräume können physisch, virtuell oder hybrid sein und gehen weit über vier Wände hinaus. Zukunftsorientierte Lernumgebungen sind deshalb nicht einfach schönere Klassenzimmer. Sie eröffnen unterschiedliche Möglichkeiten für Zusammenarbeit, Rückzug, Gestaltung und Begegnung. Lernen dehnt sich über das Schulgebäude hinaus auf Makerspaces, Museen, Bibliotheken, Unternehmen, öffentliche Räume oder die gesamte Stadt aus. Technologie steht dabei dort zur Verfügung, wo sie gebraucht wird, aber nicht automatisch im Mittelpunkt.

Bei den Modellen neuer Raumgestaltung habe ich mit meiner Kollegin Dr. Frederike Schneider-Vielsäcker genau solche Fragen untersucht: Wie müssen Lernumgebungen aussehen, wenn sie unterschiedliche Bedürfnisse berücksichtigen und Lernen als kollektive, sinnstiftende und gestaltbare Erfahrung ermöglichen sollen? Und welches pädagogische Konzept muss diese neue Raumgestaltung begleiten? Das Projekt Grenzenlos: 360° Europa zeigt gleichzeitig, dass auch virtuelle und erweiterte Räume zu solchen Lernumgebungen gehören können.

Transformation ist mehr als Veränderung

All diese Ansätze können Lernprozesse verändern. Die entscheidende Frage bleibt jedoch, ob wir damit bereits Bildung transformieren. Transformation ist mehr als Reform, Anpassung oder Digitalisierung. Sie bedeutet tiefgreifenden, nachhaltigen Wandel. Im Vortrag verwende ich dafür eine Analogie aus der Informatik: Wenn die grundlegende Architektur eines Systems nicht mehr zu den Anforderungen passt, reichen weitere Updates irgendwann nicht mehr aus. Dann muss der Source Code neu geschrieben werden. Und genau vor diesem Punkt stehen wir im Kontext des Epochenwandels bereits seit einer ganzen Weile und müssen endlich ins Handeln kommen und erkennen, was für eine große Chance wir gerade haben.

Das bedeutet nicht, dass alles Bestehende wertlos wäre und von heute auf morgen verschwinden müsste. Transformation entsteht vielmehr im Spannungsfeld zwischen Bestehendem und Neuem. The Future:Project arbeitet hier mit Transformationen, Megatrends, Gegentrends und Subtrends. Gerade Subtrends können Hinweise darauf geben, dass sich alternative Denk- und Handlungsmuster bereits entwickeln. In dieser Reibung zwischen Trend und Gegentrend liegt Veränderungspotenzial. Viele der Ansätze zukunftsorientierten Lernens lassen sich als solche Suchbewegungen verstehen.

Aus diesen Entwicklungen lassen sich vier Metastrategien ableiten, mit denen ich Bildungstransformation aus unterschiedlichen Perspektiven betrachte. Eine ausführlichere Auseinandersetzung mit ihnen findet sich auch in meiner Blogreihe zur Zukunft des Lernens und im Future:Guide Bildung.

Learning for Life: Bildung als gemeinschaftliche Verantwortung

Learning for Life versteht Bildung nicht als einen begrenzten Abschnitt vor dem „eigentlichen Leben“. Lernen begleitet Menschen über die gesamte Lebensspanne und ist gemeinschaftliche Verantwortung. Persönlichkeitsentwicklung, Vertrauen, nachhaltiges Handeln und die Orientierung am Menschen gehören deshalb zusammen.

Ein Beispiel sind die Zukunftsnächte. Kinder und Jugendliche beschäftigen sich mit der Zukunft ihrer Stadt, gestalten Visionen in virtuellen Welten und bringen diese Perspektiven in den Dialog mit der Lokalpolitik. Dieses Prinzip lässt sich weiterdenken: über Altersgruppen hinweg, auf Stadtteile bezogen, gemeinsam mit unterschiedlichen Akteur:innen einer Kommune. Lernen wird dann Teil gesellschaftlicher Zukunftsgestaltung.

Playfulness: Zukunft spielerisch gestalten lernen

Playfulness geht über den Einsatz von Spielen hinaus. Es beschreibt eine Haltung, in der Entdecken, Experimentieren und Gestalten selbstverständlich werden. Projektlernen, Making, Game-based Learning und gemeinsames Problemlösen gehören dazu ebenso wie eine Fehlerkultur, in der Scheitern nicht das Ende eines Prozesses markiert, sondern neue Informationen liefert.

Die NuVu School in Cambridge arbeitet beispielsweise in mehrwöchigen Projekten an realen Herausforderungen und verbindet dabei sehr unterschiedliche Kompetenzen. Projekte wie SERASUM: For a better tomorrow zeigen, wie virtuelle Welten solche Prozesse ergänzen können. Lernende erfinden sich neu, arbeiten über Ländergrenzen hinweg zusammen und nutzen Sprache, Technologie und Kreativität, um gemeinsame Herausforderungen zu bearbeiten.

Learning Environments: Zukunftsräume für kreatives und kollaboratives Lernen

Die Metastrategie Learning Environments richtet den Blick darauf, wo und unter welchen Bedingungen Lernen stattfindet. Physische, digitale, virtuelle und mentale Lernumgebungen greifen ineinander. Ein Makerspace kann ebenso Lernumgebung sein wie ein Museum, eine virtuelle Welt, eine Stadt oder ein gemeinsam entwickeltes Zukunftsszenario.

Entscheidend ist, dass diese Räume Gestaltung ermöglichen. Sie sollten nicht nur Inhalte bereitstellen, sondern Begegnung, Perspektivwechsel, Kreativität, Zusammenarbeit und unterschiedliche Formen der Beteiligung unterstützen. Projekte zur neuen Raumgestaltung, Design-Thinking-Prozesse oder Grenzenlos: 360° Europa zeigen jeweils auf unterschiedliche Weise, wie solche Möglichkeitsräume entstehen können.

Human-Machine-Teamplay: Technologie für mehr Menschlichkeit

Die vierte Metastrategie ist Human-Machine-Teamplay. Sie bringt viele der bisherigen Gedanken zusammen. Technologie ist dabei weder Gegnerin noch Heilsversprechen. Die interessante Frage ist, welche Möglichkeiten in der Zusammenarbeit von Mensch und Maschine entstehen – und welche davon wir bewusst nutzen wollen.

Das Ziel ist menschliche Digitalität: Technologie soll persönliche und gesellschaftliche Entwicklung unterstützen, nicht den Menschen durch Datenmodelle ersetzen. KI kann beispielsweise als kreative Partnerin eingesetzt werden, um Geschichten über queere Zukünfte zu entwickeln, Perspektiven sichtbar zu machen, Sprachkompetenz zu nutzen und eigene Denkgrenzen zu erweitern. Entscheidend ist der Rollenwechsel: KI als Partnerin, nicht als Ersatz.

Veränderung beginnt nicht erst, wenn ein System fertig transformiert ist

Transformation klingt schnell nach einem großen Ziel, das irgendwann erreicht sein müsste. Das Wheel of Transformation hilft dabei, anders darüber nachzudenken. Transformation ist dynamisch und nicht linear. Erfahrungen, Kompetenzen und Potenziale greifen ineinander. Auch Widerstand gehört dazu. Das war für mich persönlich eine wichtige Erkenntnis: Widerstand muss nicht automatisch bedeuten, dass Veränderung scheitert. Er kann dazu führen, dass alle Beteiligten eigene Annahmen reflektieren, Distanz gewinnen und bewusster und gemeinsam entscheiden, welche Veränderung tatsächlich sinnvoll ist.

Ebenso wichtig sind Selbstwirksamkeit und Resonanz. Wer erlebt, dass eigenes Handeln etwas verändern kann, ist eher bereit, weiter zu experimentieren. Wer auf Menschen trifft, die ähnliche Fragen bewegen, entdeckt neue Handlungsmöglichkeiten. Aus individueller Exploration können gemeinsame Prozesse entstehen; Organisationen, Systeme und schließlich gesellschaftliche Strukturen können davon erfasst werden.

Gerade deshalb ist schulische Bildung so wichtig. Sie schafft Grundlagen für weitere Bildungsbereiche und für lebenslanges Lernen. Sie kann dazu beitragen, Zukunftsgestaltung nicht vom sozialen Hintergrund abhängig zu machen. Gleichzeitig kann Bildungstransformation nicht allein von Schule getragen werden. Bildungsbereiche und gesellschaftliche Akteur:innen müssen miteinander ins Gespräch kommen, gemeinsame Ziele entwickeln, voneinander lernen und Synergien nutzen. Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, lassen sich nicht isoliert lösen.

Die Zukunft des Lernens ist menschlich

Die Zukunft des Lernens entscheidet sich deshalb nicht daran, welche Technologie als Nächstes eingeführt wird. Sie entscheidet sich daran, welches Menschenbild unserem Lernen zugrunde liegt, wie viel Verantwortung wir Lernenden zutrauen, welche Räume wir für Entwicklung schaffen und ob wir bereit sind, Bildung als Teil gesellschaftlicher Zukunftsgestaltung zu verstehen.

Technologie kann dabei viel ermöglichen. Spiele können Räume für Erprobung schaffen, virtuelle Welten Perspektiven erweitern, KI kann zur Denk- und Lernpartnerin werden. Design Thinking und Futures Thinking können helfen, Herausforderungen nicht nur zu analysieren, sondern Alternativen zu gestalten. Nachhaltigkeit kann zum Wertekompass werden. Nichts davon ersetzt jedoch Beziehungen, Verantwortung, Empathie, Urteilskraft, Kreativität oder den Wunsch, gemeinsam etwas zu verändern.

Genau deshalb ist die Zukunft des Lernens nicht digital, sondern menschlich. Digitalität gehört längst zu unserer Welt. Die eigentliche Gestaltungsaufgabe besteht darin, sie so zu nutzen, dass Menschen wachsen, Verantwortung übernehmen und gemeinsam an einer lebenswerten Zukunft arbeiten können.

Wer die Gedanken weiter vertiefen möchte, findet sie auch im Future:Guide Bildung – Zukunft gestalten lernen sowie in Lernen für eine lebenswerte Zukunft.

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