ADHS: Aufmerksamkeit anders verstehen

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ADHS wird sprachlich bis heute über ein Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivität beschrieben. Das legt nahe, Aufmerksamkeit sei grundsätzlich zu wenig vorhanden und man habe es mit einer Person zu tun, die nicht stillsitzen kann. Je mehr ich mich damit beschäftige, desto weniger trägt diese Vorstellung. Menschen mit ADHS-Diagnose können sich sehr intensiv konzentrieren, teilweise über lange Zeiträume. Schwieriger ist häufig die willentliche Steuerung: Aufmerksamkeit zu einer bestimmten Zeit auf eine bestimmte Aufgabe zu richten, dort zu halten, wieder zu lösen oder auf etwas anderes zu verschieben. Bewusst gesteuerte Aufmerksamkeit (directed attention) wird bewusst eingesetzt, beispielsweise bei einer wenig interessanten Aufgabe, die begonnen und weitergeführt werden soll. Automatische Aufmerksamkeit (automatic attention) reagiert stärker auf Interesse, Neuigkeit oder unmittelbare Bedeutsamkeit. Diese Gegenüberstellung ist vereinfacht, ergänzt sich aber mit dem, was über Hyperfokus bekannt ist: Hyperfokus bedeutet gerade nicht, dass plötzlich „kein ADHS mehr da“ ist. Konzentration kann außerordentlich stark werden, während sich kaum kontrollieren lässt, wann sie einsetzt, worauf sie sich richtet oder wann sie wieder gelöst werden kann.

Credits: Stephanie Wössner | CC BY-SA 4.0 InternationalDamit verändert sich auch die Interpretation alltäglicher Situationen. Eine Person kann an einem hochinteressanten Thema stundenlang arbeiten und kurz darauf Schwierigkeiten haben, eine vergleichsweise einfache Aufgabe überhaupt zu beginnen. Der Satz „Du kannst dich doch konzentrieren, wenn du willst“ übersieht die Diskrepanz zwischen der Fähigkeit zur Konzentration und ihrer willentlichen Steuerbarkeit. Interesse, Neuigkeit, Herausforderung, unmittelbare Rückmeldung oder Dringlichkeit können Aufmerksamkeit stark beeinflussen. Dass eine Aufgabe objektiv wichtig ist, bedeutet noch nicht, dass sie für das Aufmerksamkeits- und Motivationssystem automatisch zugänglich wird. Gerade deshalb ist es wenig hilfreich, aus sichtbarem Verhalten direkt auf Motivation oder Willen zu schließen.

Dieser Sachverhalt lässt sich mit einem Eisberg vergleichen: Sichtbar sind beispielsweise Unruhe, Impulsivität, Konzentrationsschwierigkeiten oder Vergesslichkeit. Darunter liegen Prozesse, die sich von außen kaum erkennen lassen: Informationsverarbeitung, Emotionen, exekutive Funktionen, Belastung, gleichzeitig bestehende Bedingungen, Umwelt und auch die Bewertungen, die ein Mensch durch andere erfährt. Diese Perspektive gefällt mir, weil sie die Aufmerksamkeit weg vom einzelnen Verhalten und hin zu dem verschiebt, was dieses Verhalten mit hervorbringt. Nicht jede nicht begonnene Aufgabe bedeutet mangelnde Motivation. Nicht jede Verspätung bedeutet Gleichgültigkeit. Nicht jedes impulsive Handeln ist eine bewusste Entscheidung gegen Regeln oder andere Menschen.

Exekutivfunktionen, Regulation und unterschiedliche Präsentationen

Damit hängen die Exekutivfunktionen eng zusammen. Planen und Organisieren, Priorisieren, Zeit einschätzen, Informationen im Arbeitsgedächtnis halten, eine Aufgabe beginnen und zu Ende führen, flexibel wechseln oder Impulse steuern können unterschiedlich viel bewusste Regulation verlangen. Das sichtbare Ergebnis sagt wenig über diesen Aufwand aus. Jemand kann genau wissen, was zu tun wäre, und trotzdem nicht beginnen. Eine Person kann einen Termin sehr ernst nehmen und dennoch Schwierigkeiten mit der Zeitwahrnehmung haben. Ein Wechsel zwischen Tätigkeiten kann von außen klein aussehen und innerlich erheblichen Aufwand verlangen. Das Eisberg-Bild macht genau diese Differenz sichtbar: Ein großer Teil dessen, was eine Situation schwierig macht, bleibt für andere unsichtbar.

ADHS zeigt sich außerdem sehr unterschiedlich. Diagnostisch werden eine überwiegend unaufmerksame, eine überwiegend hyperaktiv-impulsive und eine kombinierte Präsentation unterschieden; die Ausprägung kann sich über den Lebensverlauf verändern. Eine eher unaufmerksame Präsentation kann sich durch Tagträumen, Ablenkbarkeit, innere Unruhe oder Schwierigkeiten beim Dranbleiben zeigen und nach außen vergleichsweise ruhig wirken. Bei einer stärker hyperaktiv-impulsiven Präsentation können Bewegungsdrang, viel Energie, spontanes Handeln, Rededrang oder Schwierigkeiten beim Warten sichtbarer sein. Gerade Mädchen und Frauen werden dadurch teilweise später erkannt, weil ihre Ausprägungen weniger gut zu dem lange dominierenden Bild des hyperaktiven Jungen passen.

Auch Emotionsregulation gehört stärker in dieses Bild, als es der Begriff ADHS zunächst vermuten lässt. Gefühle können intensiv erlebt werden, emotionale Zustände schnell wechseln, Frustration und Reizüberflutung können die Regulation erschweren. Dazu kommen Erfahrungen, die sich erst sekundär entwickeln: wiederholt missverstanden zu werden, Organisation trotz großer Anstrengung nicht zuverlässig zu bewältigen oder über Jahre Rückmeldungen zu erhalten, man müsse sich lediglich besser zusammenreißen, kann sich auf den Selbstwert auswirken. Neben Konzentration sind auch Schlaf, Energie, Emotions- und Verhaltensregulation, Exekutivfunktionen, Beziehungen und Selbstwert relevante Bereiche. Auch hier hilft der Blick unter die Oberfläche mehr als eine Liste sichtbarer Symptome.

Die Ursachen lassen sich nicht auf einen einzelnen Faktor reduzieren. Genetische Einflüsse spielen laut der Forschung eine starke Rolle; gleichzeitig werden Unterschiede in neuronalen Netzwerken, Gehirnentwicklung und Neurotransmittersystemen noch untersucht. Die genaue Bedeutung eines Befunds ist deshalb nicht abschließend geklärt. Umwelt, Lebensbedingungen und Belastung beeinflussen zugleich, wie stark Schwierigkeiten in konkreten Situationen sichtbar werden. Eine Erklärung über Erziehung, mangelnden Willen oder Intelligenz trägt nicht. Ebenso wenig reicht es allerdings, ADHS ausschließlich als individuelles neurologisches Problem zu betrachten. Neurologisches Profil, Anforderungen, Beziehungen, Strukturen und konkrete Lebensbedingungen wirken zusammen. Daher ist es sinnvoll, sowohl medizinische als auch soziale Modelle von ADHS zu berücksichtigen.

Eine Diagnose basiert deshalb auf einer umfassenderen Betrachtung verschiedener Lebensbereiche, der Entwicklungsgeschichte, Gesprächen, Beobachtungen und standardisierten Verfahren; einen einzelnen Test, der ADHS einfach nachweist, gibt es nicht. Eine Diagnose kann entlasten, weil Erfahrungen plötzlich verständlicher werden und Unterstützungsbedarfe benannt werden können. Sie erklärt trotzdem nicht, wie ADHS bei dieser konkreten Person aussieht. Daher sollte man nicht vorschnell einfach ein Etikett auf einen Menschen kleben: Selbstvertretung, Selbstwirksamkeit und die Perspektive der Person selbst müssen stärker in den Vordergrund rücken. Ein Etikett kann Orientierung geben. Es ersetzt aber weder die individuelle Erfahrung noch die Frage, was eine Person tatsächlich braucht.

Unterstützung und Stärken bleiben individuell

Auch bei möglichen Stärken lohnt sich diese Vorsicht. Dazu gehören unter anderem Hyperfokus, Kreativität, laterales Denken, Problemlösen, Spontaneität, Energie, Humor, Empathie, Offenheit und Resilienz. Das können reale Stärken einzelner Menschen sein. Sie sind keine automatisch mitgelieferten Eigenschaften von ADHS und kein Ausgleich, der Schwierigkeiten rechtfertigen müsste. Eine Person kann kreativ sein oder überhaupt nicht; starke Interessen können Zugang zu Aufmerksamkeit eröffnen und gleichzeitig dazu führen, dass anderes kaum erreichbar ist. Daher sollten Stärken und Herausforderungen gleichermaßen ernst genommen werden. Das halte ich für wichtig, gerade weil eine neurodiversitätsaffirmierende Perspektive schnell missverstanden wird, als müsse jede Schwierigkeit in eine besondere Stärke umgedeutet werden.

Unterstützung braucht deshalb Passung. Klare und sichtbare Strukturen können entlasten, ebenso realistische Zeitplanung, konkrete Schritte, Bewegung, Pausen, eine reizärmere Umgebung oder Wahlmöglichkeiten bei Lern- und Arbeitswegen. Interessen können sinnvoll genutzt werden, wenn sie tatsächlich zur Person gehören. Manche Menschen benötigen stärker externe Struktur, andere erleben zu viel Kontrolle als zusätzliche Belastung. Ein wertschätzendes Umfeld ist dabei mehr als eine freundliche Ergänzung, weil dauerhafte Beschämung und Fehlinterpretation selbst Teil der Belastung werden können.

An diesem Punkt wird auch der Begriff person-led relevant. Unterstützung beginnt nicht damit, dass andere festlegen, welche Strategie für „Menschen mit ADHS“ funktioniert. Sie beginnt bei der konkreten Person, ihrer Wahrnehmung, ihren Erfahrungen und den Bedingungen, unter denen sie handeln kann. Wenn auf individuelle Erfahrung geschaut wird, sind self-advocacy, die Fähigkeit, für sich selbst einzustehen, und self-efficacy, der Glaube an seine eigenen Fähigkeiten, sind dann keine zusätzlichen Kompetenzen, die man nachträglich trainiert, sondern Teil der Frage, wer Unterstützung definiert und wer über passende Bedingungen mitentscheidet.

ADHS lässt sich für mich deshalb inzwischen weniger über die Frage verstehen, ob Aufmerksamkeit vorhanden ist. Interessanter ist, wie sie sich organisiert, was sie bindet, wodurch sie sich verschieben lässt, welche unsichtbaren Regulationsleistungen dabei stattfinden und welche Bedingungen dafür sorgen, dass vorhandene Fähigkeiten tatsächlich zugänglich werden. Ein diagnostischer Begriff kann dafür einen Rahmen geben. Verstehen beginnt erst dort, wo der konkrete Mensch darin wieder sichtbar wird.

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