Der Begriff Neurodiversität ist inzwischen weit verbreitet und wird dabei erstaunlich unterschiedlich verwendet. Manchmal bezeichnet er Menschen mit Autismus, ADHS, Dyslexie oder anderen neurologischen Profilen, manchmal wird er nahezu synonym mit neurodivergent benutzt. Genau hier lohnt sich eine erste begriffliche Klärung. Neurodiversität bezeichnet die natürliche Vielfalt menschlicher Gehirne und damit Unterschiede darin, wie Menschen wahrnehmen, Informationen verarbeiten, lernen, kommunizieren, Aufmerksamkeit steuern oder sich regulieren. Der Begriff wird mit der australischen Soziologin Judy Singer verbunden, die ihn Ende der 1990er-Jahre prägte. Neurodiversität betrifft damit alle Menschen. Auch „neurotypische“ Menschen sind Teil neurologischer Vielfalt.
Credits: Stephanie Wössner | CC BY-SA 4.0 InternationalNeurodivergent bezeichnet im heute verbreiteten Sprachgebrauch einzelne Menschen, deren neurologisches Profil von häufig vorkommenden oder gesellschaftlich erwarteten Mustern abweicht. Neurotypisch beschreibt entsprechend Profile, die stärker mit diesen häufigen und erwarteten Mustern übereinstimmen. Eine Gruppe kann neurodivers sein, weil in ihr Menschen mit unterschiedlichen neurologischen Profilen zusammenkommen. Gerade diese Unterscheidung ist wichtig, weil Neurodiversität sonst schnell wieder zu einem Begriff für „die anderen“ wird. Dann hätten wir lediglich ein neues Wort für eine bekannte Trennung zwischen einer scheinbar unmarkierten Normalität und den Menschen, die davon abweichen.
Auch der Begriff normal wird dadurch problematisch. Neurotypisch bedeutet weder besser noch richtiger oder gesünder. Es beschreibt zunächst häufiger vorkommende neurologische Muster beziehungsweise eine größere Passung zu gesellschaftlichen Erwartungen. Was häufig vorkommt, wird allerdings leicht mit dem verwechselt, was als angemessen oder erstrebenswert gilt. Gerade bei Aufmerksamkeit, Kommunikation, sensorischer Verarbeitung oder Arbeitsorganisation fallen diese Erwartungen häufig erst auf, wenn jemand ihnen nicht entspricht. Ein bestimmtes Maß an Blickkontakt, längeres Sitzen, das Filtern von Hintergrundgeräuschen, schnelle Übergänge zwischen Aufgaben oder eine bestimmte Form mündlicher Kommunikation können dadurch wie neutrale Anforderungen wirken, obwohl sie für unterschiedliche Menschen sehr unterschiedliche Voraussetzungen schaffen.
Neurologische Profile sind mehrdimensional
Auch die Vorstellung eines Spektrums braucht deshalb Präzisierung. Ein Spektrum darf nicht zu einer Linie werden, auf der Menschen irgendwo zwischen „wenig“ und „stark“ neurodivergent eingeordnet werden. Neurologische Profile bestehen aus unterschiedlichen Dimensionen. Aufmerksamkeit und Exekutivfunktionen können anders ausgeprägt sein als Lernen und Informationsverarbeitung; Kommunikation und soziale Interaktion wiederum anders als Regulation und Emotionen. Dazu kommen Interessen und Motivation, Motorik und Praxis, Wahrnehmung und Kognition sowie Sensorik und Umweltverarbeitung. Diese Bereiche verlaufen weder synchron noch ergeben sie zusammen einen sinnvollen Gesamtwert. Sie sind auch nicht stabil und können sie je nach Tagesform oder Situation verändern.
Dadurch entstehen häufig ungleichmäßige Profile, manchmal auch als spiky profiles bezeichnet. Ein Mensch kann in einem Bereich sehr hohe Fähigkeiten haben und in einem anderen umfangreiche Unterstützung benötigen. Das eine relativiert das andere nicht. Gerade bei Twice Exceptionality wird das deutlich: Hochbegabung kann gemeinsam mit ADHS, Autismus, Dyslexie oder anderen neurodivergenten Profilen auftreten. Hohe kognitive Fähigkeiten können Schwierigkeiten zeitweise kompensieren und damit unsichtbar machen; umgekehrt können sichtbare Schwierigkeiten dazu führen, dass hohe Fähigkeiten gar nicht erst erkannt werden. Das Problem liegt dann auch in unserer Erwartung, Fähigkeiten müssten innerhalb einer Person einigermaßen gleichmäßig verteilt sein.
Medizinische Diagnosen beschreiben innerhalb dieser Vielfalt bestimmte Muster. Sie können wichtig sein, weil sie Erfahrungen einordnen, Zugang zu Unterstützung eröffnen und gemeinsame Begriffe schaffen. Sie erklären trotzdem nie einen ganzen Menschen. Zwei Menschen mit derselben Diagnose können sehr unterschiedliche Profile haben, während Menschen mit unterschiedlichen Diagnosen in einzelnen Bereichen ähnliche Erfahrungen machen. Autismus und ADHS können gemeinsam auftreten, ebenso Dyslexie und ADHS oder Tourette und OCD. Sensorische Unterschiede, Schwierigkeiten mit Exekutivfunktionen oder Regulation gehören ohnehin nicht exklusiv zu einer einzelnen Diagnose.
Eine neurodiversitätsaffirmierende Perspektive bedeutet dabei nicht, reale Schwierigkeiten sprachlich verschwinden zu lassen. Menschen können erhebliche Belastungen, Behinderungen und Unterstützungsbedarfe erleben. Manche Aspekte eines neurologischen Profils werden als Stärke erlebt, andere als belastend, und ihre Bedeutung kann sich mit Situation und Lebensphase verändern. Auch die Suche nach vermeintlich typischen „Superkräften“ führt deshalb nicht weiter. Niemand muss besondere Kreativität, Empathie oder analytische Fähigkeiten vorweisen, damit Unterstützungsbedarfe legitim sind. Stärken gehören zu individuellen Menschen und dürfen genauso individuell betrachtet werden wie Schwierigkeiten.
Von Gleichbehandlung zu tatsächlicher Teilhabe
Damit wird auch die Unterscheidung zwischen Equality (Chancengleichheit) und Equity (Chancengerechtigkeit) interessant: Gleichbehandlung bedeutet, dass Menschen dieselben Ressourcen oder Möglichkeiten erhalten. Chancengerechtigkeit berücksichtigt, dass Ausgangsbedingungen verschieden sind und deshalb unterschiedliche Unterstützung erforderlich sein kann. Für mich reicht allerdings auch diese Vorstellung allein noch nicht aus. Teilhabe bedeutet mehr, als Zugang zu einem bestehenden System zu ermöglichen. Menschen bringen eigene Perspektiven mit, treffen Entscheidungen und sollten Bedingungen mitgestalten können, die sie selbst betreffen.
Hier verbindet sich Neurodiversität mit Fragen, die mich aus anderen Zusammenhängen ohnehin beschäftigen. Universal Design for Learning geht von vorhersehbarer Variabilität aus und eröffnet unterschiedliche Zugänge, Formate und Ausdrucksmöglichkeiten. Co-Agency nimmt Lernende als Mitgestaltende ernst. Eine stärkenorientierte Perspektive berücksichtigt Interessen und vorhandene Potenziale, ohne Schwierigkeiten wegzuerklären. Und die Beschäftigung mit Regulation hat mir noch einmal deutlicher gemacht, dass Fähigkeiten nie völlig unabhängig von der jeweiligen Verfassung verfügbar sind. Sicherheit, Zugehörigkeit, Beziehungen, Belastung und sensorische Bedingungen beeinflussen, worauf Menschen in einer Situation tatsächlich zugreifen können.
Damit ist Neurodiversität zunächst eine Beschreibung menschlicher Vielfalt. Was sich verändert, wenn diese Vielfalt tatsächlich zum Ausgangspunkt für die Interpretation von Verhalten, Schwierigkeiten und gesellschaftlichen Normen wird, geht bereits einen Schritt weiter. Genau dort setzt mein früherer Beitrag zum Thema an.
Bildquellen
- Neurodiversität: Stephanie Wössner | CC BY-SA 4.0 International
- Neurodiversität: PetiteProf79 | CC BY-SA 4.0 International

