Dyslexie, Dysgraphie, Dyskalkulie und Dyspraxie beziehungsweise Developmental Coordination Disorder (DCD) betreffen unterschiedliche Bereiche und werden diagnostisch nicht einfach zu einer gemeinsamen Kategorie zusammengefasst. Trotzdem finde ich es sinnvoll, sie nebeneinander zu betrachten, weil sie besonders deutlich machen, wie viel kognitive und körperliche Arbeit hinter einem sichtbaren Ergebnis liegen kann. Dyslexie betrifft vor allem Lesen und die Verarbeitung sprachlicher beziehungsweise phonologischer Informationen. Dysgraphie bezieht sich auf Schreiben, Handschrift und teilweise den schriftlichen Ausdruck. Dyskalkulie betrifft die Verarbeitung mathematischer und numerischer Informationen sowie den Aufbau arithmetischer Fakten und Abläufe. Bei Dyspraxie beziehungsweise dem diagnostisch als Developmental Coordination Disorder (DCD) bezeichneten Profil stehen Koordination und motorische Planung im Vordergrund, wobei Konzentration, Planung und Exekutivfunktionen von Betroffenen teilweise sogar als stärker belastend erlebt werden als die offensichtlicheren motorischen Schwierigkeiten.
Credits: Stephanie Wössner | CC BY-SA 4.0 InternationalLesen wirkt für geübte Leser:innen irgendwann nahezu automatisch. Dabei laufen zahlreiche Prozesse gleichzeitig: Buchstaben und Lautstrukturen werden erkannt und miteinander verbunden, Wörter dekodiert, Bedeutungen hergestellt und Informationen im Arbeitsgedächtnis gehalten, während der größere Zusammenhang weiterverfolgt wird. Wenn einzelne dieser Prozesse viel bewusste Aufmerksamkeit benötigen, verändert sich die gesamte Belastung. Langsames oder anstrengendes Lesen sagt dann wenig darüber aus, wie komplex jemand denken oder einen Inhalt verstehen kann. Dyslexie hat entsprechend nicht nur mit der Lesegeschwindigkeit zu tun, sondern auch phonologische Verarbeitung, Kurzzeitgedächtnis, Organisation, Zeitmanagement und weitere Bereiche können in konkreten Situationen mit hineinspielen.
Ähnlich verhält es sich beim Schreiben. Wer Buchstabenform, Feinmotorik, Abstand, Rechtschreibung, Satzbau und inhaltliche Planung teilweise bewusst koordinieren muss, benötigt für dieselbe sichtbare Aufgabe andere kognitive Ressourcen als eine Person, bei der viele dieser Prozesse automatisiert ablaufen. Dysgraphie lässt sich deshalb kaum auf „schlechte Handschrift“ reduzieren. Hinter einer auffälligen Handschrift können unterschiedliche Ursachen liegen und es gibt verschiedene Formen von Dysgraphie. Auch beim schriftlichen Ausdruck können Ideen vorhanden sein, während der Weg von Gedanken zu Text erheblichen Aufwand verursacht.
Bei Dyskalkulie zeigt sich dieselbe Grundfrage in einem anderen Bereich. Zahlen, Mengen, mathematische Beziehungen, Rechenwege oder Zahlenfolgen können sehr viel bewusste Verarbeitung verlangen. Auch hier lässt sich aus einem sichtbaren Ergebnis nicht unmittelbar auf allgemeine Denkfähigkeit schließen. Wer Rechenfakten nur schwer automatisiert oder Zahlenbeziehungen mühsam verarbeitet, kann komplexe Probleme verstehen und dennoch an Aufgaben scheitern, die voraussetzen, dass bestimmte numerische Prozesse schnell und selbstverständlich verfügbar sind.
Bei Dyspraxie beziehungsweise DCD wird die Verbindung zwischen Motorik und Kognition besonders sichtbar. Motorische Planung betrifft alltägliche Handlungen ebenso wie fein- und grobmotorische Tätigkeiten, neue Bewegungsabläufe oder Koordination. Dazu gehören unter anderem Schreiben, Anziehen, Knöpfe und Schnürsenkel, Laufen, Springen und das Lernen neuer Fertigkeiten. Organisation, Arbeitsgedächtnis, Zeitmanagement, Sequenzierung und das Lernen neuer Routinen können hinzukommen, ebenso spielen Planung, Gedächtnis, Sprache sowie soziale und emotionale Aspekte eine Rolle. Nur von „Ungeschicklichkeit“ zu sprechen, verkennt die Realität.
Überschneidungen und ungleichmäßige Profile
Gerade hier wird ein mehrdimensionales Verständnis hilfreich. Lesen, Schreiben, Mathematik, Motorik, Arbeitsgedächtnis, Organisation oder Zeitwahrnehmung können sich überschneiden, ohne bei allen Menschen in derselben Kombination aufzutreten. Dyslexie kann gemeinsam mit ADHS vorkommen, ebenso können dyspraxische Profile exekutive Schwierigkeiten einschließen. Auch Dyskalkulie steht nicht isoliert neben den anderen Bereichen; lässt sich diagnostisch und entwicklungsbezogen teilweise schwer von Dyslexie trennen. Ein diagnostisches Label sagt deshalb wenig darüber aus, wie das gesamte Lern- und Verarbeitungsprofil einer Person aussieht.
Twice Exceptionality macht diese Unebenheit zusätzlich sichtbar. Hohe kognitive Fähigkeiten und spezifische Lern- oder Entwicklungsunterschiede können gleichzeitig vorhanden sein. Ein:e Lernende:r kann komplexe Zusammenhänge ungewöhnlich schnell erfassen und beim schriftlichen Festhalten derselben Gedanken große Schwierigkeiten haben. Eine andere Person erkennt mathematische Muster oder entwickelt originelle Lösungswege, hat aber Probleme mit automatisierten Rechenfakten. Hohe Fähigkeiten ermöglichen teilweise jahrelange Kompensation, wodurch Unterstützungsbedarfe spät erkannt werden. Umgekehrt kann eine sichtbare Schwierigkeit beim Lesen, Schreiben, Rechnen oder bei der Koordination dazu führen, dass kognitive Fähigkeiten unterschätzt werden. Dies ist insbesondere der Fall bei DCD: Die tatsächliche Leistung kann erheblich hier hinter der Intelligenz zurückbleiben.
Auch mögliche Stärken sollten deshalb individuell betrachtet werden. Kreatives Denken, Vorstellungskraft, Problemlösefähigkeit, Empathie, Beharrlichkeit oder visuell-räumliches Denken können bei einzelnen Menschen eine wichtige Rolle spielen. Sie sind keine automatische Folge einer Dyslexie, Dyskalkulie oder DCD. Eine neurodiversitätsaffirmierende Perspektive braucht keine Gegenrechnung, in der eine Schwierigkeit durch eine besondere Begabung ausgeglichen wird. Das Profil eines Menschen bleibt uneinheitlich, und genau diese Uneinheitlichkeit verschwindet schnell, wenn Diagnosen zu festen Eigenschaftspaketen werden.
Zugänge verändern, ohne Ansprüche beliebig zu machen
Da es in der aktuellen Diskussion um das System Schule häufig um Basiskompetenzen (Lesen, Rechnen, Schreiben) geht, stellt sich bei diesen Profilen sehr konkret die Frage, was mit einer Aufgabe eigentlich sichtbar werden soll. Wenn fachliches Verständnis das Ziel ist, kann eine ausschließlich handschriftliche Aufgabe zusätzlich Feinmotorik, Rechtschreibung, Arbeitsgedächtnis und Schreibgeschwindigkeit messen. Wenn Lesen selbst das Lernziel ist, sieht die Situation anders aus. Dasselbe gilt für Mathematik: Soll mathematisches Denken sichtbar werden, ist zu prüfen, ob eine Aufgabe zusätzlich automatisierten Faktenabruf, hohe Schreibgeschwindigkeit oder komplexe Notation verlangt. Wenn genau diese Fähigkeit Gegenstand des Lernens ist, gehört sie dagegen zur Aufgabe. Diese Unterscheidung ist für mich zentral, weil Unterstützung sonst schnell mit „leichter machen“ verwechselt wird.
Barriereärmere Materialien, Vorlesen oder Text-to-Speech, Spracheingabe, andere Ausdrucksformen, zusätzliche Zeit, klare Schrittfolgen oder digitale Werkzeuge für Schreiben, Mathematik und Organisation können den Zugang verändern, ohne das fachliche Ziel zwangsläufig abzusenken. Bei DCD können Bewegung und praktische Zugänge ebenso relevant sein wie die Entlastung feinmotorischer Anforderungen. Wertschätzende Rückmeldungen spielen ebenfalls eine Rolle, weil Menschen, deren Ergebnisse regelmäßig hinter ihrem Wissen zurückbleiben, über Jahre sehr andere Rückmeldungen über ihre vermeintlichen Fähigkeiten erhalten können.
Nicht alle Menschen zeigen Wissen auf dieselbe Weise. Gerade diese Profile machen sichtbar, wie riskant es ist, eine bestimmte Ausdrucksform mit der dahinterliegenden Fähigkeit gleichzusetzen. Teilhabe bedeutet dann auch, unterschiedliche Wege zuzulassen, solange sie das tatsächliche Ziel einer Aufgabe sichtbar machen. Unterschiedliche Lern- und Verarbeitungsprofile werden damit nicht zu etwas, das beseitigt oder kompensiert werden muss. Sie verändern vielmehr die Frage, wie Lernumgebungen gestaltet sein müssen, damit Wissen, Denken und Können überhaupt sichtbar werden können.
Bildquellen
- Dyslexie: Stephanie Wössner | CC BY-SA 4.0 International
- Neurodiversität: PetiteProf79 | CC BY-SA 4.0 International

