Ein neurologisches Profil existiert nie allein: Neurodiversität, Intersektionalität, Macht und Superdiversität

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Je länger ich mich mit Neurodiversität beschäftige, desto weniger scheint mir eine einzelne Kategorie ausreichend, um zu verstehen, was Menschen erleben. Schon innerhalb eines neurologischen Profils zeigt sich eine enorme Variabilität. Aufmerksamkeit und Exekutivfunktionen, Lernen und Informationsverarbeitung, Kommunikation und soziale Interaktion, Regulation und Emotionen, Interessen und Motivation, Motorik und Praxis, Wahrnehmung und Kognition oder Sensorik können bei ein und demselben Menschen kontextabhängig sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Ein solches Profil ist nicht linear. Hohe Fähigkeiten in einem Bereich schließen erheblichen Unterstützungsbedarf in einem anderen nicht aus, ebenso wenig wie eine Diagnose zuverlässig vorhersagt, wie ein Mensch denkt, wahrnimmt oder handelt.

Credits: Stephanie Wössner | CC BY-SA 4.0 InternationalDaraus ergibt sich, dass Neurodivergenz nicht über starre Kategorien betrachtet werden darf. Gleichzeitig markiert sie eine Grenze. Ein Mensch besteht nicht nur aus seinem neurologischen Profil. Niemand erlebt Autismus, ADHS, Dyslexie oder ein anderes neurodivergentes Profil losgelöst von Geschlecht, Alter, Sprache, sozialer Herkunft, Bildung, Religion, körperlichen Voraussetzungen, sexueller Orientierung, Familiengeschichte, beruflicher Position oder den vielen anderen Dimensionen, die eine Biografie prägen. Und auch diese Dimensionen liegen nicht einfach nebeneinander. Sie treffen auf gesellschaftliche Normen, institutionelle Strukturen und Machtverhältnisse, die darüber mitentscheiden, welche Unterschiede sichtbar werden, wie sie interpretiert werden und welche Folgen sie haben.

Von neurologischen Profilen zu Diversitätsdimensionen

Für den ersten Blick auf neurologische Vielfalt finde ich die Vorstellung eines mehrdimensionalen Profils hilfreich. Sie hält fest, dass unterschiedliche Bereiche innerhalb eines Menschen unterschiedlich ausgeprägt sein können, ohne daraus ein festes Gesamtbild zu erzeugen. Das Profil beschreibt eine innere Konstellation verschiedener Verarbeitungs-, Wahrnehmungs- und Regulationsbereiche, die auch kontextabhängig unterschiedlich sein können.

Das Diversity Wheel von Lee Gardenswartz und Anita Rowe stellt eine andere Frage. Im Zentrum steht die Persönlichkeit; darum gruppieren sich unterschiedliche Diversitätsdimensionen auf mehreren Ebenen. Je nach Darstellung gehören dazu etwa Alter, Geschlecht, körperliche Fähigkeiten, sexuelle Orientierung und weitere relativ stabile Dimensionen, aber auch Bildung, Familienstatus, Einkommen, geografischer oder sozialer Hintergrund, Religion, Berufserfahrung und organisationale Positionen. Gerade diese Ebenen sind wichtig. Ein Mensch ist nicht ausschließlich über einige besonders sichtbare oder gesellschaftlich stark diskutierte Kategorien positioniert. Bildung, ökonomische Ressourcen, Berufsrolle oder Familienkonstellation können ebenso prägend sein und sich im Lebensverlauf verändern.

Das Diversity Wheel macht diese Vielschichtigkeit sichtbar. Es verhindert zumindest ein Stück weit, dass eine Person auf ein einzelnes Merkmal reduziert wird. Für sich allein erklärt es allerdings noch nicht, weshalb bestimmte Kombinationen gesellschaftlich sichtbarer sind als andere. Ein Rad kann zeigen, dass Dimensionen existieren. Es erklärt noch nicht, wer innerhalb dieser Dimensionen über mehr Zugang, Anerkennung oder Handlungsspielraum verfügt.

Intersektionalität ist keine Addition von Merkmalen

Kimberlé Crenshaws Konzept der Intersektionalität entstand aus der Kritik an Perspektiven, die Diskriminierung entlang jeweils nur einer Achse analysierten. Ihr Ausgangspunkt war die Erfahrung Schwarzer Frauen, deren Diskriminierung sich weder angemessen über eine ausschließlich auf Rassismus noch über eine ausschließlich auf Sexismus gerichtete Perspektive verstehen ließ. An den Überschneidungen sozialer Positionierungen entsteht also keine einfache Summe unabhängiger Benachteiligungen. Die Positionierungen verändern sich in ihrer Wechselwirkung.

Für Neurodivergenz bedeutet das, dass ein Mensch beispielsweise nicht erst autistisch ist und zusätzlich Frau, mehrsprachig, hochbegabt oder sozial privilegiert beziehungsweise benachteiligt. Diese Positionierungen wirken gleichzeitig. Erwartungen an Kommunikation, Anpassung, Emotionalität, Leistungsfähigkeit oder Selbstständigkeit können gerade aus ihrer Verbindung entstehen. Dasselbe Verhalten wird möglicherweise unterschiedlich gelesen, abhängig davon, wer es zeigt. Wer als kompetent gilt, wem Überforderung zugestanden wird, wessen Selbstbeschreibung ernst genommen wird oder welche Person als „schwierig“ erscheint, ist deshalb keine rein neurologische Frage.

Auch Diagnostik lässt sich davon nicht vollständig trennen. Diagnostische Kriterien mögen standardisiert sein, der Weg zu einer Diagnose findet trotzdem innerhalb sozialer Systeme statt. Wissen über Neurodivergenz, Zugang zu Fachpersonen, finanzielle und zeitliche Ressourcen, Sprache, familiäre Erwartungen und verbreitete Vorstellungen darüber, wie Autismus oder ADHS „typischerweise“ aussehen, wirken auf diesen Prozess ein. Wenn bestimmte Gruppen später oder anders diagnostiziert werden, reicht deshalb die Erklärung „ihr Profil sieht anders aus“ allein nicht. Auch die Bedingungen, unter denen dieses Profil erforscht, wahrgenommen und interpretiert wird, gehören zur Analyse.

Intersektionalität lenkt den Blick damit weg von der Vorstellung einzelner, sauber trennbarer Identitätsmerkmale. Menschen stehen gleichzeitig in unterschiedlichen sozialen Beziehungen und Positionierungen. Manche davon eröffnen Handlungsspielräume, andere begrenzen sie, viele wirken je nach Situation unterschiedlich. Eine Person kann in einem Kontext privilegiert und in einem anderen marginalisiert sein. Deshalb finde ich auch den Begriff „Mehrfachbelastung“ nur begrenzt hilfreich. Er klingt zu additiv und legt nahe, verschiedene Belastungen ließen sich einfach aufeinanderstapeln. Intersektionale Erfahrungen entstehen komplexer.

Wo Macht ins Spiel kommt

Damit wird Macht zu einer eigenen analytischen Ebene. Sie ist keine weitere Diversitätsdimension neben Alter, Geschlecht oder Neurodivergenz. Macht prägt vielmehr die Bedingungen, unter denen diese Dimensionen gesellschaftliche Bedeutung erhalten.

Modelle wie ein Wheel of Power and Privilege versuchen genau das sichtbar zu machen. Sie richten den Blick auf Zugang zu Ressourcen, institutionelle Anerkennung, Glaubwürdigkeit, gesellschaftliche Normen und Möglichkeiten zur Beteiligung. Solche Modelle bleiben notwendigerweise vereinfachend und müssen kontextbezogen gelesen werden. Trotzdem ergänzen sie etwas, das im Diversity Wheel leicht unsichtbar bleibt: Unterschiede existieren nicht in einem machtfreien Raum.

Für Neurodivergenz ist das unmittelbar relevant. Wer kann sich leisten, eine Diagnose zu suchen, auf sie zu warten oder eine zweite Meinung einzuholen? Wer arbeitet in einem Umfeld, in dem flexible Arbeitsweisen akzeptiert werden? Wessen direkte Kommunikation gilt als authentisch und wessen als unhöflich? Wer darf ungewöhnlich sein, ohne dass sofort Kompetenz infrage gestellt wird? Wer bekommt Unterstützung, ohne dafür zunächst beweisen zu müssen, ausreichend beeinträchtigt zu sein?

Auch Masking und Anpassung erscheinen unter dieser Perspektive etwas anders. Masking wird häufig als Versuch beschrieben, neurodivergente Merkmale zu verbergen oder sich neurotypischen Erwartungen anzupassen. Das trifft einen wichtigen Teil der Erfahrung. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wer sich wie stark anpassen muss und welche Konsequenzen drohen, wenn diese Anpassung nicht gelingt oder bewusst verweigert wird. Solche Erwartungen entstehen weder ausschließlich aus dem neurologischen Profil noch ausschließlich aus der individuellen Entscheidung einer Person. Sie gehören zu sozialen Beziehungen und Machtverhältnissen.

Gleichzeitig wäre es zu einfach, beispielsweise die Tatsache, dass immer mehr Frauen im Erwachsenenalter Diagnosen erhalten, damit zu erklären, dass sie vermeintlich eher dazu neigen oder besser darin sind, Maskingstrategien anzuwenden. Denn auch Forschung und Diagnostik wurden lange stark von Erscheinungsformen geprägt, die vor allem an Männern bzw. Jungen untersucht und wahrgenommen wurden. Ein verträumtes Mädchen stört eben nicht wie ein hyperaktiver Junge. Schon die Bezeichnung ADHS trägt zu einem verkürzten Bild bei: Bei einem „Aufmerksamkeitsdefizit“ geht es nicht schlicht um zu wenig Aufmerksamkeit, sondern unter anderem um deren Regulation und Steuerung; Hyperaktivität wiederum muss keineswegs im Vordergrund stehen. Auch Impulsivität, exekutive Funktionen und die Regulation von Aktivierung spielen eine Rolle. Daran zeigt sich, wie gesellschaftliche Machtverhältnisse mitbestimmen, wessen Erfahrungen als relevant und typisch gelten – und wie sich das bis heute auf Forschung, Diagnostik und damit auf das Leben vieler nicht-weißer, nicht-männlicher Menschen auswirkt.

Hier wird auch Agency komplexer. Menschen besitzen Handlungsmöglichkeiten, entwickeln Strategien, treffen Entscheidungen und gestalten ihre Umgebung mit. Diese Agency findet allerdings nie unter neutralen Bedingungen statt. Ressourcen, Anerkennung, institutionelle Regeln und gesellschaftliche Positionierungen beeinflussen, welche Optionen überhaupt realistisch zur Verfügung stehen. Agency ernst zu nehmen bedeutet deshalb weder, Menschen als passive Opfer von Strukturen zu betrachten, noch strukturelle Bedingungen auszublenden.

Superdiversität: wenn Vielfalt selbst komplexer wird

An diesem Punkt kommt für mich Superdiversität ins Spiel. Der von Steven Vertovec geprägte Begriff entstand ursprünglich im Kontext von Migration und der Beobachtung, dass klassische Kategorien wie ethnische Herkunft oder Nationalität immer weniger ausreichten, um gesellschaftliche Vielfalt zu beschreiben. Unterschiedliche Migrationswege, Aufenthaltsstatus, Sprachen, Bildung, Arbeitsmarktpositionen, Altersstrukturen, transnationale Beziehungen und lokale Kontexte erzeugten Konstellationen, die mit wenigen stabilen Gruppenbezeichnungen kaum noch erfassbar waren.

Der Gedanke ist weit über seinen ursprünglichen Ausgangspunkt hinaus interessant, wenn er präzise verwendet wird. Superdiversität bedeutet nicht einfach „besonders viel Diversity“. Der Begriff verweist auf die zunehmende Komplexität, Dynamik und Kombination gesellschaftlicher Unterschiede. Menschen sind in vielfältige soziale, kulturelle, biografische und institutionelle Beziehungen eingebunden, die sich verändern und je nach Kontext unterschiedlich relevant werden.

Damit liegt Superdiversität auf einer anderen Ebene als das neurologische Profil oder das Diversity Wheel. Sie beschreibt stärker den gesellschaftlichen Raum, in dem individuelle Profile und soziale Positionierungen aufeinandertreffen. Eine Schule, eine Organisation oder eine Stadt ist heute nicht einfach vielfältig, weil dort Menschen aus verschiedenen klar voneinander unterscheidbaren Gruppen zusammenkommen. Innerhalb vermeintlich gleicher Gruppen bestehen wiederum erhebliche Unterschiede in Sprache, Bildung, sozialer Lage, Familienbiografie, Mobilität, rechtlichem Status, Religion, Erfahrungen und Zukunftsvorstellungen. Neurodivergenz fügt dieser Komplexität eine weitere Dimension hinzu, ohne sie zu erklären oder zu ersetzen. Insbesondere mit Blick auf schulische Kontexte, gilt Aladin El-Mafaalani als wichtige Referenz.

Superdiversität und Intersektionalität sind also verwandt, aber nicht synonym. Superdiversität beschreibt die wachsende Komplexität gesellschaftlicher Vielfalt. Intersektionalität fragt danach, wie soziale Positionierungen innerhalb dieser Vielfalt zusammenwirken und mit Machtverhältnissen verschränkt sind. Das Diversity Wheel kann sichtbar machen, welche unterschiedlichen Dimensionen überhaupt beteiligt sein können. Ein Power-and-Privilege-Modell macht darauf aufmerksam, dass diese Dimensionen gesellschaftlich unterschiedlich bewertet und ausgestattet werden. Das mehrdimensionale neurologische Profil wiederum hält fest, dass auch die neurologische Seite eines Menschen selbst keine einheitliche Kategorie bildet.

Diese Darstellung ist besonders überzeugend, weil kein einzelnes Modell alles erklären muss. Ein neurologisches Profil beschreibt, wie unterschiedliche neurokognitive Bereiche innerhalb eines Menschen zusammenspielen. Das Diversity Wheel erweitert den Blick auf biografische, soziale und organisationale Dimensionen. Intersektionalität fragt, was an deren Überschneidungen geschieht. Macht erklärt, weshalb diese Überschneidungen reale Unterschiede bei Zugang, Anerkennung und Teilhabe erzeugen können. Superdiversität macht schließlich sichtbar, dass all dies in gesellschaftlichen Kontexten stattfindet, deren Vielfalt selbst zunehmend komplex, dynamisch und schwer in stabile Kategorien zu fassen ist.

Das verändert für mich auch die Frage nach Teilhabe. Menschen brauchen nicht einfach eine passende Unterstützung für ihr neurologisches Profil. Zugang hängt ebenso von Ressourcen, institutionellen Bedingungen, Sprache, sozialer Positionierung, Beziehungen und der Möglichkeit ab, die eigenen Bedürfnisse überhaupt glaubwürdig benennen zu können. Zwei Menschen mit einem sehr ähnlichen neurologischen Profil können deshalb völlig unterschiedliche Erfahrungen machen. Das Profil allein erklärt diese Differenz nicht.

Neurodiversität ernst zu nehmen, heißt deshalb zunehmend, mehrere Ebenen gleichzeitig sehen zu können, ohne sie miteinander zu verwechseln. Menschen haben individuelle neurologische Profile. Sie leben in vielfältigen sozialen Positionierungen. Diese sind intersektional miteinander verwoben und in Machtverhältnisse eingebettet. Und sie bewegen sich in Gesellschaften, in denen Vielfalt selbst immer komplexer wird.

Gerade darin liegt eine wichtige Konsequenz: Menschen lassen sich weder auf eine Diagnose noch auf eine einzelne Diversitätsdimension reduzieren. Wer Teilhabe ermöglichen will, muss genauer auf Profile schauen, auf Positionierungen, auf Barrieren und Ressourcen – und auf die Bedingungen, unter denen Menschen überhaupt Handlungsspielräume erhalten.

Weiterführende Lektüre

Crenshaw, K. (1989). Demarginalizing the Intersection of Race and Sex: A Black Feminist Critique of Antidiscrimination Doctrine, Feminist Theory and Antiracist Politics. University of Chicago Legal Forum, 1989(1), 139–167. Link zum Artikel

Crenshaw, K. (1991). Mapping the Margins: Intersectionality, Identity Politics, and Violence against Women of Color. Stanford Law Review, 43(6), 1241–1299. Link zum Artikel

El-Mafaalani, A. (2023). Kinder – Minderheit ohne Schutz. Aufwachsen in der alternden Gesellschaft. Köln: Kiepenheuer & Witsch. Verlagsseite

Gardenswartz, L. & Rowe, A. (2003). Diverse Teams at Work: Capitalizing on the Power of Diversity. 2nd ed. Society for Human Resource Management. SHRM – Four Layers of Diversity

Immigration, Refugees and Citizenship Canada (IRCC) (2022). The Wheel of Privilege and Power. Link zur Webseite

Vertovec, S. (2007). “Super-diversity and its implications.” Ethnic and Racial Studies, 30(6), 1024–1054. DOI: 10.1080/01419870701599465.

Tipp: Das Themenheft 27 von on. Lernen in der digitalen Welt beschäftigt sich mit dem Thema Superdiversität.

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