Universal Design for Learning: Ein Gericht für alle?

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Credits: PetiteProf79 | CC BY-SA 4.0 InternationalWer dreißig Menschen zum Essen einlädt, würde vermutlich nicht selbstverständlich davon ausgehen, dass alle dasselbe Gericht essen wollen und können. Vielleicht gibt es Allergien oder Unverträglichkeiten, manche essen vegetarisch oder vegan, andere mögen bestimmte Dinge schlicht nicht. Wir würden solche Unterschiede kaum als persönliches Versagen interpretieren. Wenn jemand den Eintopf nicht essen kann, kämen die wenigsten auf die Idee, dieser Mensch müsse eben lernen, besser mit Eintopf zurechtzukommen.

Vom Eintopf zum Buffet

Katie Novak verwendet eine solche Dinner-Party-Analogie, um Universal Design for Learning (UDL) zu erklären. In ihrem Beispiel steht ein einziges vorbereitetes Gericht für eine Lernumgebung, in der alle denselben Zugang nutzen sollen. Ein Buffet eröffnet verschiedene Möglichkeiten. Beim Potluck bringen die Gäste selbst etwas mit und werden damit Teil der Gestaltung.

Entscheidend ist bei Novak allerdings ein Gedanke, der in vereinfachten Darstellungen von UDL manchmal untergeht: Das Ziel des Abends war nie, dass alle denselben Auflauf essen. Das Essen dient dem gemeinsamen Essen, der Begegnung, dem Zusammensein. Übertragen auf Lernen zwingt uns diese Metapher zu einer ziemlich grundlegenden Frage:

Was ist eigentlich das Ziel – und was haben wir nur deshalb zum Ziel erklärt, weil wir Lernen auf eine bestimmte Weise organisiert haben?

Das ist weniger banal, als es zunächst klingt. Wenn Lernende einen Zusammenhang verstanden haben sollen, muss dieses Verständnis nicht zwangsläufig in einem handschriftlichen Text sichtbar werden. Wenn das Ziel dagegen tatsächlich das Schreiben eines argumentativen Textes ist, lässt sich das Schreiben nicht einfach durch einen Podcast ersetzen. Katie Novak fasst diesen Unterschied mit „firm goals, flexible means“ zusammen: Ziele müssen so klar sein, dass verschiedene Wege dorthin überhaupt sinnvoll gewählt werden können. Flexibilität bedeutet dann nicht Beliebigkeit.

Barrieren früher in den Blick nehmen

Für mich liegt darin ein wesentlicher Unterschied zu einer Vorstellung von individueller Förderung, bei der zunächst eine Standardumgebung geschaffen wird und anschließend diejenigen zusätzliche Lösungen bekommen, die darin Schwierigkeiten haben. Das kann notwendig und sinnvoll sein. Es beginnt nur relativ spät. UDL stellt die Frage nach möglichen Barrieren bereits beim Gestalten der Lernumgebung.

Die aktuellen UDL Guidelines 3.0 von CAST gehen dabei deutlich weiter als die verbreitete Kurzformel von den drei Bereichen Engagement, Representation sowie Action & Expression vermuten lässt. CAST beschreibt als Ziel von UDL ausdrücklich Learner Agency und verbindet diese mit Lernenden, die zunehmend reflektiert, ressourcenbewusst und strategisch handeln können. In Version 3.0 haben außerdem Zugehörigkeit, Identitäten, unterschiedliche Formen des Wissens und der Bedeutungsbildung, Zusammenarbeit und Interdependenz sowie der Umgang mit systemischen Ausschlüssen wesentlich mehr Gewicht bekommen.

Das gefällt mir, weil UDL damit weniger nach einem Werkzeugkasten für „besondere Bedürfnisse“ aussieht. Variabilität gehört von Anfang an zum Menschenbild. CAST geht davon aus, dass Unterschiede zwischen Lernenden vorhersehbar sind und dass auch derselbe Mensch je nach Zeit und Situation unterschiedlich lernt und sich unterschiedlich beteiligt.

Wenn die Barriere nicht im Menschen liegt

Aus einer neurodiversitätsaffirmierenden Perspektive finde ich daran besonders relevant, wo die Aufmerksamkeit liegt. Schwierigkeiten werden nicht automatisch im Menschen verortet. Eine Barriere entsteht häufig erst in einer bestimmten Konstellation aus Person, Aufgabe, sozialem Kontext und Umgebung. Ein Unterstützungsbedarf ist deshalb real, ohne zwangsläufig etwas Defizitäres über den betreffenden Menschen auszusagen.

Nehmen wir einen Lernraum, in dem Ergebnisse grundsätzlich vor der gesamten Gruppe präsentiert werden müssen. Für manche Lernende ist das kein Problem, einige genießen es, andere empfinden es als Herausforderung, an der sie wachsen möchten. Für wieder andere bindet die Situation so viel Energie, dass die Präsentationsanforderung kaum noch etwas darüber aussagt, wie gut sie den eigentlichen Gegenstand verstanden haben.

Dann wird interessant, ob öffentliches Präsentieren zum Lernziel gehört. Falls ja, braucht es vielleicht Unterstützung und verschiedene Schritte, um genau diese Fähigkeit zu entwickeln. Falls nein, könnte die Präsentationsform eine vermeidbare Barriere sein.

Dasselbe gilt für Schriftlichkeit, Zeitvorgaben, Gruppenarbeit, Sitzpositionen, Sprache, digitale Werkzeuge und viele andere Dinge, die in Lernsettings schnell selbstverständlich werden. UDL lädt dazu ein, diese Selbstverständlichkeiten zu prüfen. Dabei würde ich allerdings nicht versuchen, schon im Voraus jede denkbare Variante bereitzustellen. Auch das kann Lernumgebungen unübersichtlich machen. Eine Seite mit zwölf verschiedenen Wahlmöglichkeiten ist nicht automatisch zugänglicher als eine Seite mit zwei gut gewählten Optionen.

Wahlmöglichkeiten sind noch keine Agency

Hier wird für mich die Idee der Agency wichtig. Wahlmöglichkeiten können ein Teil davon sein, aber sie sind nicht dasselbe wie Selbstbestimmung. Wenn ich zwischen drei Wegen wählen darf, die jemand anderes vollständig geplant hat, habe ich mehr Einfluss als bei einem einzigen vorgeschriebenen Weg. Ich gestalte damit jedoch noch nicht unbedingt mein Lernen mit.

Die aktuelle Fassung der UDL Guidelines öffnet diesen Gedanken stärker. CAST weist ausdrücklich darauf hin, dass die Leitlinien nicht ausschließlich von Pädagog:innen angewendet werden müssen. Je nach Lernziel können auch Lernende oder Pädagog:innen und Lernende gemeinsam damit arbeiten und Lernumgebungen mitgestalten. Genau dort wird aus Novaks Buffet für mich tatsächlich ein Potluck.

Lernende können dann nicht nur entscheiden, ob sie lieber Text A oder Podcast B nutzen. Sie können zunehmend herausfinden, welche Bedingungen sie beim Lernen unterstützen, eigene Zugänge vorschlagen, Fragen einbringen, Werkzeuge auswählen, Rückmeldung zur Lernumgebung geben und an Entscheidungen beteiligt sein, bei denen echte Entscheidungsspielräume bestehen. Manche Ziele stehen möglicherweise fest, andere können ausgehandelt werden. Manchmal ist die Form Teil des Ziels, manchmal eben nicht.

Selbstbestimmung braucht Orientierung

Das klingt sehr frei und ist trotzdem kein Plädoyer dafür, Struktur aufzulösen. Eine Lernumgebung mit vielen Möglichkeiten verlangt Orientierung. Wer entscheiden soll, braucht eine Vorstellung davon, worüber entschieden werden kann, was das Ziel ist und welche Konsequenzen verschiedene Wege haben könnten. Manche Lernende benötigen zunächst viel Unterstützung, um solche Entscheidungen treffen zu können; andere brauchen vor allem, dass Erwachsene ihnen nicht ständig Entscheidungen abnehmen. Auch das verändert sich über Zeit und Situation.

Ich halte diesen Punkt für bedeutsam, weil Selbstbestimmung in pädagogischen Diskussionen gelegentlich fast zu einer neuen Norm wird. Dann sollen plötzlich alle Lernenden eigenständig planen, ihre Zeit perfekt organisieren, ihre Ziele formulieren und souverän aus einem breiten Angebot wählen. Wer damit Schwierigkeiten hat, erscheint erneut als defizitär – diesmal innerhalb einer vermeintlich offenen Lernkultur.

Das wäre eine merkwürdige Wendung: Wir schaffen Wahlmöglichkeiten, um Vielfalt anzuerkennen, und bauen daraus anschließend eine neue Erwartung, der wieder alle auf dieselbe Weise entsprechen sollen.

UDL kann davor schützen, wenn wir es tatsächlich als Designfrage verstehen. Ein gutes Design zwingt Menschen nicht dazu, möglichst viele Entscheidungen zu treffen. Es hält dort Möglichkeiten offen, wo Unterschiede relevant werden können, und bietet Unterstützung, wenn sie gebraucht wird. Für manche Lernende kann eine klare Empfehlung hilfreicher sein als zehn gleichwertige Optionen. Andere wissen sehr genau, welcher Weg für sie passt. Agency zeigt sich dann auch darin, Unterstützung anzunehmen oder bewusst einen strukturierten Weg zu wählen.

Vom Buffet zum Potluck

An diesem Punkt verbindet sich UDL für mich unmittelbar mit den Fragen aus dem Future:Guide Bildung und aus Lernen für eine lebenswerte Zukunft. Wenn wir möchten, dass Menschen ihre Gegenwart und Zukunft mitgestalten, können Lernumgebungen Orte sein, an denen diese Erfahrung konkret wird. Nicht irgendwann, nachdem vermeintlich genügend Wissen erworben wurde, sondern im Lernen selbst: Meine Wahrnehmung zählt. Ich kann Entscheidungen treffen und ihre Folgen reflektieren. Andere Menschen brauchen möglicherweise andere Bedingungen als ich. Gemeinsame Räume müssen deshalb ausgehandelt werden.

Gerade der letzte Punkt ist wichtig. Personalisierung wird schnell so verstanden, als müsse am Ende jede:r einen eigenen Weg gehen. Mich überzeugt das nicht. Lernen ist für mich auch Beziehung, gemeinsames Denken, Reibung, Kooperation und die Erfahrung, Teil einer Gemeinschaft zu sein. UDL 3.0 betont interessanterweise selbst stärker Interdependenz und kollektives Lernen. Vielfalt verlangt keine Vereinzelung.

Vielleicht funktioniert deshalb Novaks Essensmetapher so gut. Ein Buffet bedeutet nicht, dass dreißig Menschen dreißig verschiedene Räume brauchen. Sie sitzen weiterhin an einem gemeinsamen Tisch. Sie müssen auch nicht alle genau dasselbe auf dem Teller haben, damit dieser Tisch sie miteinander verbindet. Beim Potluck kommt noch etwas hinzu: Die Menschen sind nicht ausschließlich Gäste in einem Arrangement, das jemand anderes für sie vorbereitet hat. Sie tragen selbst etwas dazu bei.

Für Lernumgebungen ist das eine anspruchsvollere Vorstellung als die Suche nach der einen Methode, die möglichst gut für alle funktioniert. Sie verlangt, dass wir genauer zwischen Ziel und Gewohnheit unterscheiden, Barrieren nicht vorschnell Menschen zuschreiben und uns an manchen Stellen von der Vorstellung verabschieden, gute Pädagogik müsse bereits im Voraus jede Antwort kennen. Manche Antworten entstehen erst, wenn diejenigen mitgestalten können, die in diesen Lernumgebungen tatsächlich lernen.

Quellen und weiterführende Hinweise

CAST (2024): Universal Design for Learning Guidelines 3.0. Link

CAST: About the Guidelines 3.0 Update. Link

Katie Novak (2024): What is Universal Design for Learning (UDL)? Link

Katie Novak (2024): UDL vs Differentiated Instruction: The Dinner Party Analogy. Link

Katie Novak (2023): The What and How of Firm Goals, Flexible Means: UDL in the Classroom. Link

Bildquellen

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