Credits: PetiteProf79 | CC BY-SA 4.0 InternationalDie Beschäftigung mit Trauma gehörte für mich zu den eindrücklichsten Teilen des Kurses. Besonders beschäftigt hat mich, wie stark traumatische Erfahrungen mit alltäglichen sozialen und pädagogischen Situationen zusammenhängen können.
Kerry J. Heckman beschreibt im Zusammenhang mit ADHS unter anderem wiederholte Kritik, Mobbing, schulische und soziale Schwierigkeiten, Ermahnungen durch Erwachsene und die Folgen für das Selbstwertgefühl. Lauren Gravitz zeigt für autistische Menschen, dass Ausgrenzung, Missbrauch, sensorische Überforderung oder Erfahrungen, die aus einer neurotypischen Perspektive vielleicht vergleichsweise harmlos erscheinen, langfristige traumatische Wirkung entfalten können.
Das verändert den Blick darauf, was überhaupt als potenziell traumatisch wahrgenommen wird. Entscheidend ist nicht allein, wie dramatisch ein Ereignis von außen aussieht. Erfahrungen können sich wiederholen, akkumulieren und mit der Zeit die Erwartung prägen, wieder falsch verstanden, zurückgewiesen oder überfordert zu werden. Damit geraten auch Bildungsumgebungen in den Blick. Wenn Lernende regelmäßig für Verhalten kritisiert werden, das mit ihrer Art der Regulation, Aufmerksamkeit oder Kommunikation zusammenhängt, wenn sensorische Überforderung als mangelnde Disziplin interpretiert wird oder wenn soziale Schwierigkeiten vor allem als individuelles Trainingsproblem erscheinen, bleiben diese Erfahrungen nicht ohne Folgen.
Karen Irvines Ausführungen zur psychischen Gesundheitsversorgung haben für mich eine weitere Ebene sichtbar gemacht. Selbst dort, wo neurodivergente Menschen Unterstützung suchen, können ihre Belastungen übersehen oder falsch eingeordnet werden. Bestehende Diagnosen können dazu führen, dass Symptome ausschließlich aus dieser Perspektive interpretiert werden. Damit können gerade diejenigen Menschen, die Unterstützung benötigen, an Strukturen geraten, die ihre Erfahrungen erneut nicht angemessen verstehen.
Sicherheit ist keine rein individuelle Kompetenz
Trauma-informed und neurodiversity-affirming practice lassen sich deshalb für mich kaum voneinander trennen. Beide Perspektiven lenken die Aufmerksamkeit darauf, wie eine Situation erlebt wird: Wie sicher fühlt sie sich an? Welche Kontrolle habe ich? Kann ich vorhersehen, was geschieht? Kann ich mich zurückziehen? Welche Form der Regulation ist möglich?
Das CARES-Modell fand ich hier besonders hilfreich, weil es verschiedene Ebenen miteinander verbindet. Sicherheit, Agency, Regulation und Executive Function erscheinen darin nicht als Kompetenzen, die ein Mensch entweder besitzt oder eben noch trainieren muss. Eine Umwelt kann diese Prozesse unterstützen, erschweren oder zeitweise unmöglich machen. Das mag selbstverständlich klingen, hat aber weitreichende Konsequenzen. Wenn ein Mensch in einer bestimmten Umgebung nicht gut funktioniert, ist die erste Frage dann nicht zwangsläufig, welche Fähigkeit ihm fehlt. Ebenso relevant ist, welche Anforderungen die Situation stellt und ob diese überhaupt notwendig sind.
Masking macht Belastungen unsichtbar
In diesem Zusammenhang haben wir uns auch mit Masking beschäftigt. Anpassung kann eine sinnvolle Strategie sein. Sie kann Zugang zu sozialen Räumen, Bildung oder Arbeit ermöglichen. Gleichzeitig kann sie bedeuten, das eigene Verhalten permanent zu überwachen und Teile davon zu unterdrücken, um nicht negativ aufzufallen. Leah Reinardys Erfahrungen haben für mich besonders deutlich gemacht, wie problematisch es ist, äußerlich funktionierendes Verhalten mit Wohlbefinden gleichzusetzen. Menschen können Erwartungen sehr erfolgreich erfüllen und gleichzeitig erheblichen Stress erleben. Gerade wer gelernt hat, sich besonders gut anzupassen, wird möglicherweise lange nicht als jemand wahrgenommen, der Unterstützung braucht.
Damit verändert sich auch mein Blick auf Leistung. Gute Ergebnisse, Selbstständigkeit oder angepasstes Verhalten sind keine verlässlichen Hinweise darauf, wie viel Energie jemand benötigt, um eine Situation zu bewältigen. Bildungssysteme orientieren sich jedoch noch immer sehr stark an beobachtbarem Verhalten. Wer ruhig arbeitet, Aufgaben erledigt und sozial wenig auffällt, gilt schnell als jemand, bei dem alles funktioniert. Genau dort können Belastungen unsichtbar werden.
Verhalten wird nie neutral gelesen
Intersektionalität hat diese Frage für mich noch einmal erweitert. Catina Burketts Bericht hat besonders deutlich gezeigt, wie Zuschreibungen, die mit Rassismus, Geschlecht und Ableismus verbunden sind, ineinandergreifen können. Autistisches Verhalten wird nicht unabhängig davon interpretiert, wer dieses Verhalten zeigt. Ruhe kann als Arroganz gelesen werden, Direktheit als Aggressivität, Rückzug als Unhöflichkeit. Dieselben Verhaltensweisen können bei unterschiedlichen Menschen ganz unterschiedlich bewertet werden.
Damit reicht es auch nicht aus, diagnostische Kriterien einfach möglichst „neutral“ anzuwenden. Forschung, Diagnostik und professionelle Wahrnehmung haben ihre eigene Geschichte. Wer in Forschungsgruppen vertreten war, an welchen Bevölkerungsgruppen diagnostische Vorstellungen entwickelt wurden und welche Formen von Verhalten als typisch gelten, beeinflusst bis heute, wer erkannt und wer übersehen wird.
Der historische und demografische Kontext in Deutschland ist ein anderer als in den USA. Das macht die Perspektive der Intersektionalität jedoch nicht weniger relevant. Auch hier werden Verhalten, Sprache, Herkunft, Religion, Behinderung und soziale Position nicht getrennt voneinander wahrgenommen. In einer Gesellschaft, die vielfältiger wird, während gleichzeitig politische und gesellschaftliche Konflikte um Zugehörigkeit sichtbarer werden, erscheint mir diese Sensibilität zunehmend wichtig.
Lived experience als Wissen
Sehr hängen geblieben ist mir auch die Hearing Voices Bewegung. Besonders die Verschiebung von „What is wrong with you?“ zu „What happened to you?“ hat mich beschäftigt. Die Frage verändert die Perspektive. Ein Mensch wird nicht zunächst als Träger:in einer Störung betrachtet, die erklärt oder korrigiert werden muss. Seine oder ihre Erfahrung steht im Mittelpunkt. Menschen treffen andere, die Ähnliches erlebt haben, erleben Gemeinschaft und finden Möglichkeiten, mit ihren Erfahrungen umzugehen. Dabei wird nicht zwingend vorausgesetzt, dass eine formale Diagnose die Voraussetzung dafür ist, ernst genommen zu werden. Das kann auch Voreingenommenheit reduzieren. Wenn nur professionelle Kategorien darüber entscheiden, welche Erfahrung legitim ist, bleibt die Perspektive der Institution dominant. Peer Communities eröffnen einen anderen Zugang. Menschen identifizieren selbst, welche Erfahrungen für sie relevant sind, und erhalten die Möglichkeit, Bedeutung gemeinsam auszuhandeln.
Damit wird professionelle Expertise nicht überflüssig. Für mich wurde im Kurs vielmehr deutlicher, dass verschiedene Wissensformen nebeneinander gebraucht werden. Forschung kann bestimmte Zusammenhänge sichtbar machen. Professionelle Erfahrung bringt einen weiteren Blick ein. Lived experience eröffnet Zugang zu etwas, das von außen nur begrenzt beobachtbar ist. Vielleicht besteht eine der zentralen Herausforderungen darin, diese Formen von Wissen nicht automatisch hierarchisch zu ordnen. Wer über Neurodivergenz spricht, spricht schließlich über gelebte menschliche Erfahrung. Die Menschen, um deren Leben es geht, können dabei kaum eine Fußnote bleiben.
Literatur
- Burkett, C. (2020). ‘Autistic while black’: How autism amplifies stereotypes. Spectrum / The Transmitter. org
- Gravitz, L. (2018). At the intersection of autism and trauma. Spectrum / The Transmitter. org
- Heckman, K. J. (2020). ADHD and trauma: Untangling causes, symptoms & treatments. ADDitude. KERRY J HECKMAN, LICSW
- Irvine, K. (2019). Facing neurotypical normativity: An ethical call for therapeutic sensitivity to neurodiversity [Master’s capstone thesis, Lesley University]. Expressive Therapies Capstone Theses, 160. lesley.edu
- Manalili, M. A. R. (2021). Ableist ideologies stifle neurodiversity and hinder inclusive education. Ought: The Journal of Autistic Culture, 3(1), Article 6, 22–36. doi: 10.9707/2833-1508.1072. gvsu.edu
- Reinardy, L. (2022). Autistic masking: A dangerous survival mechanism [TEDx talk]. TED
- National Hearing Voices Network. (n.d.). Hearing Voices Groups. hearing-voices.org
Bildquellen
- Neurodiversität 2: PetiteProf79 | CC BY-SA 4.0 International
- Neurodiversität: PetiteProf79 | CC BY-SA 4.0 International

