Die Sehnsucht nach dem einen Framework: Warum uns immer neue Orientierungsrahmen nicht retten – und was sie über unseren Umgang mit Transformation verraten

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Wer sich heute ernsthaft mit Zukunft, Bildung, Digitalisierung und KI auseinandersetzt, kennt dieses Gefühl: Es gibt unendlich viel Material. Frameworks, Kompetenzmodelle, Referenzrahmen, Navigatoren, Leitbilder. Kaum ein Themenfeld wird derzeit so intensiv beschrieben, sortiert und strukturiert wie die Zukunft der Bildung. Und doch bleibt etwas Seltsames zurück: Trotz all dieser Orientierung fühlt sich wenig wirklich geklärt an.

Im Gegenteil. Je mehr Frameworks erscheinen, desto größer wird die Unsicherheit. Welches davon ist relevant? Welches gilt? Welches ist „state of the art“? Und warum erzeugt all diese Struktur nicht das Gefühl von Klarheit, sondern eher von Überforderung?

Zwischen Konferenzfolien und Strategiepapieren entsteht eine stille Erwartung: Vielleicht ist diesmal der richtige Rahmen dabei. Einer, der Ordnung schafft. Einer, der uns sagt, wie wir mit all dem umgehen sollen. Einer, der Bildung endlich zukunftsfähig macht. Diese Erwartung ist verständlich. Sie ist Ausdruck eines Systems, das unter Druck steht. Aber sie ist auch Ausdruck einer gefährlichen Verkürzung.

Frameworks als Projektionsfläche

Frameworks werden selten nur als das gelesen, was sie sind: Orientierungsangebote. Sie werden zu Projektionsflächen. In ihnen bündeln sich Hoffnungen, Ängste, Verantwortungsverschiebungen. Je größer die Unsicherheit, desto größer die Versuchung, Komplexität auszulagern – an Modelle, Raster, Diagramme.

Gerade im Kontext von KI ist das besonders sichtbar. KI ist schnell, intransparent, widersprüchlich. Sie verspricht Effizienz und erzeugt Kontrollverlust zugleich. Pädagogische Gewissheiten geraten ins Wanken. Prüfungsformate, Leistungsbewertung, Autor:innenschaft – vieles, was lange stabil schien, wird fragil. In dieser Situation wirken Frameworks beruhigend. Sie geben Sprache. Sie geben Struktur. Sie suggerieren Handhabbarkeit. Doch genau hier beginnt das Missverständnis: Orientierung wird mit Lösung verwechselt. Struktur mit Transformation.

Drei Frameworks, drei Ebenen – und ein falscher Zusammenhang

Ein genauerer Blick auf drei prominente Rahmenwerke zeigt, wie unterschiedlich ihre Logiken sind – und warum ihre gleichzeitige Verwendung so oft Verwirrung stiftet.

Das OECD Learning 2030 Framework entwirft keinen Lehrplan und keine Didaktik. Es formuliert einen normativen Horizont: Bildung soll Menschen befähigen, Verantwortung zu übernehmen, Spannungen auszuhalten, Zukunft als offenen Suchprozess zu gestalten. Begriffe wie Agency, Co-Agency oder Anticipation–Action–Reflection markieren eine Haltung, keine Methode. Der Compass gibt Sinn – und entzieht sich bewusst der Umsetzungslogik.

Das AI Literacy Framework geht einen anderen Weg. Es will anschlussfähig sein für Schule, Unterricht, Curriculum. Es übersetzt den Anspruch auf Mündigkeit im Umgang mit KI in Wissen, Fähigkeiten und Haltungen und ordnet diese in vier Domänen: Engaging, Creating, Managing und Designing AI. Das ist didaktisch durchdacht, systemkompatibel und gut begründet. Zugleich folgt es einer klaren Kompetenz- und Aufgabenlogik. Lernende handeln innerhalb vorstrukturierter Szenarien, Agency ist gerahmt, nicht offen.

Der Navigator Bildung Digitalisierung schließlich richtet den Blick auf das System. Er beobachtet, ordnet, vergleicht. Handlungsfelder, Indikatoren und Daten sollen sichtbar machen, wo Schulen und Bildungssysteme stehen. Der Navigator will keine pädagogische Praxis anleiten, sondern Orientierung für Steuerung geben. Problematisch wird er dort, wo diese Beobachtung normativ gelesen wird – wo Sichtbarkeit mit Wirksamkeit verwechselt wird.

Alle drei Frameworks beantworten unterschiedliche Fragen. Keines davon ist falsch. Aber keines davon kann das leisten, was man ihnen oft zuschreibt: als ein Baustein eines Konzepts all unsere Probleme über Nacht lösen oder gar die einzig richtige Lösung bieten.

Die gefährliche Abkürzung: Wenn Orientierung zur Steuerung wird

Die eigentliche Schieflage entsteht dort, wo diese unterschiedlichen Logiken zu einer scheinbar konsistenten Erzählung verschmolzen werden: Das OECD-Framework zeigt, wohin wir wollen. Das AI Literacy Framework zeigt, wie wir lernen können. Der Navigator Bildung Digitalisierung strukturiert, welche Aspekte digitaler Schulentwicklung beobachtet, beschrieben und im Diskurs berücksichtigt werden. Er zeigt damit, welche Dimensionen des Systems sichtbar gemacht werden – nicht jedoch, wie Transformation tatsächlich verläuft oder gelingt. Zusammengenommen ergibt das dann so etwas wie ein Transformationsfahrplan.

Doch genau diese Erzählung ist problematisch. Sie suggeriert Steuerbarkeit dort, wo sie nicht existiert. Sie macht aus Zukunft ein Zielbild, aus Lernen eine Abfolge von Kompetenzen und aus Transformation einen beobachtbaren Fortschritt. Transformation ist aber kein Projekt, das man plant und umsetzt. Sie ist kein Zustand, den man erreicht. Sie ist ein Prozess, der sich entzieht – kulturell, relational, biografisch. Sie entsteht dort, wo Gewissheiten brüchig werden: in pädagogischen Beziehungen, in Machtverhältnissen, in Bewertungslogiken, in Zeitstrukturen, in professionellen Selbstverständnissen. Frameworks können diese Prozesse nicht erzeugen. Sie können sie bestenfalls rahmen – oder verdecken.

Die Aufgabenlogik als Symptom

Gerade hier wird das Spannungsfeld des AI Literacy Frameworks deutlich. So sehr es auf Ethik, Verantwortung und Mündigkeit setzt, so klar folgt es einer Logik, die Transformation domestiziert: der Aufgabenlogik. Kompetenzen werden formuliert, Szenarien beschrieben, Performanzen erwartbar gemacht.

Das ist systemisch notwendig. Schulen funktionieren über Aufgaben, über Erwartungshorizonte, über Bewertung. Aber genau darin liegt die Grenze. Transformatorisches Lernen entsteht nicht aus der Bearbeitung vordefinierter Aufgaben. Es entsteht aus Irritation, aus Selbstverwicklung, aus offenen Fragen, die niemand vorher festgelegt hat. Wenn Agency zur Aufgabe wird, verliert sie ihren Kern. Dann wird entschieden, wann reflektiert wird, worüber abgewogen wird und in welchem Rahmen Kritik stattfindet. Das ist verantwortungsvoll – aber nicht transformatorisch.

Frameworks als Spiegel eines Systems

Vielleicht liegt der eigentliche Wert der vielen Frameworks nicht darin, dass sie uns sagen, was zu tun ist. Vielleicht liegt er darin, dass sie sichtbar machen, was das Bildungssystem gerade nicht aushält: Unsicherheit, Nicht-Wissen, Widerspruch, Kontrollverlust.

In diesem Sinne sind OECD Learning 2030, AI Literacy Framework und Navigator Bildung Digitalisierung weniger Lösungen als Spiegel. Sie zeigen, wie sehr das System nach Halt sucht. Wie stark der Wunsch nach Steuerbarkeit ist. Und wie schnell Begriffe wie Transformation, Agency oder Zukunft entschärft werden, sobald sie anschlussfähig gemacht werden müssen.

Hier setzt die Gegenerzählung an. Nicht als weiteres Modell, nicht als besseres Framework. Sondern als Störung. Als Erinnerung daran, dass Transformation nicht geliefert werden kann. Dass sie nicht implementierbar ist. Dass sie dort beginnt, wo Systeme ihre eigenen Grenzen erkennen.

Die Grenze ernst nehmen – und Verantwortung nicht auslagern

Was folgt daraus? Sicher nicht, Frameworks zu verwerfen. Ich arbeite selbst mit ihnen, entwickle Konzepte, übersetze Komplexität für unterschiedliche Kontexte. Ich weiß, wie hilfreich Struktur sein kann – gerade in einem System, das unter Druck steht und nach Halt sucht. Auch ich greife zu Rahmenwerken, wenn Orientierung fehlt oder Diskurse ausfransen. Und genau deshalb bin ich vorsichtig.

Denn ich erlebe immer wieder, wie schnell aus Orientierung Erwartung wird. Wie aus einem Denkangebot eine implizite Vorgabe entsteht. Wie aus einem Rahmen ein Maßstab wird, an dem sich Menschen, Schulen oder Projekte messen sollen. Und wie dabei etwas verloren geht, das sich nicht rahmen lässt: Zweifel, Ambivalenz, Suchbewegung, Widerstand.

Frameworks können Sinn geben. Sie können Struktur anbieten. Sie können helfen, Gespräche zu führen und Komplexität sichtbar zu machen. Aber sie haben eine Grenze. Diese Grenze liegt dort, wo sie beginnen, Verantwortung zu ersetzen – oder Transformation zu versprechen.

Das OECD Learning 2030 Framework darf Zukunft als Suchprozess markieren, aber es kann keine Rezepte liefern. Das AI Literacy Framework kann Struktur geben, aber es darf Mündigkeit nicht in Aufgaben auflösen. Der Navigator Bildung Digitalisierung kann beobachten, aber er darf nicht normieren. Jede Überschreitung dieser Grenzen erzeugt die Illusion von Steuerbarkeit dort, wo eigentlich Zumutung gefragt wäre.

Was mich an der aktuellen Fülle an Frameworks mehr irritiert als ihre Inhalte, ist die Hoffnung, die in sie projiziert wird. Die Hoffnung, dass eines davon uns die Verantwortung abnimmt. Dass es Klarheit schafft, wo wir eigentlich Unsicherheit aushalten müssten. Dass es uns sagt, wie Zukunft geht, statt uns zuzumuten, sie gemeinsam zu suchen.

Transformation beginnt für mich nicht dort, wo das nächste Modell veröffentlicht wird. Sie beginnt dort, wo wir aufhören, Erlösung in Rahmenwerken zu suchen. Dort, wo wir bereit sind, ohne Geländer zu denken, ohne Raster zu handeln und ohne Sicherheitsversprechen zu lernen. Dort, wo Bildung wieder als kulturelle Praxis ernst genommen wird – nicht als steuerbarer Prozess, sondern als verantwortete Beziehung zur Zukunft.

Frameworks können dabei helfen. Aber sie nehmen uns die Verantwortung nicht ab.

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