Alle reden über das Metaverse … und kaum jemand versteht, was es ist …

0

Seit Sommer letzten Jahres ist das Metaverse in aller Munde. Es hat auch nicht lange gedauert, bis es zum Buzzword wurde. Es vergeht aktuell kein Tag, an dem ich nicht mindestens eine Email in meinem Postfach finde, in der eine Firma „ihr“ Metaverse anpreist. Schon allein dies sollte zeigen, dass die meisten Menschen die Idee hinter dem Metaverse nicht wirklich verstehen. Doch auch große Firmen, wie beispielsweise Microsoft, sind davor nicht gefeit.

Es gibt viele Berichte und Videos dazu, wie verschiedene Firmen ihren Sprung ins Metaverse sehen. Dabei wird der Begriff des Metaverse häufig als reines Buzzword verwendet, ohne den Begriff differenziert zu betrachten oder seine eigentliche Bedeutung zu reflektieren. Dies ähnelt im Bildungsbereich dem Umgang mit Begriffen wie Gamification.

Wenn man die Herangehensweise von Microsoft und Meta (ehemals Facebook) vergleicht, dann zeichnet sich ein klares Bild ab: was für den Einen Vision ist, ist für den Anderen eine reine Marketing-Strategie. Die einzige Überschneidung ist technisch gesehen die Tatsache, dass die Avatare, die zum Einsatz kommen sollen, bisher nur Oberkörper haben, was mir die Identifikation mit meinem Avatar – auch angesichts meiner Erfahrungen in Second Life – etwas erschwert. Konzeptionell gesehen sprechen beide Firmen davon, dass das Metaverse nicht nur mit VR-Brillen bzw. einer MR-Brille wie der Hololens zugänglich sein sollte, sondern auch von mobilen Endgeräten aus. Wobei natürlich Meta den Vorsprung hat, dass die Quest 2 weit erschwinglicher ist als die Hololens.

Für Microsoft scheint das Ziel des Metaverse die Produktivität, vor allem im Businessbereich, zu sein. Das Lernen wird hierbei ebenfalls erwähnt, es entsteht jedoch der Eindruck, dass Arbeit und Lernen als verwandte Bereiche angesehen werden, die klar vom Rest des Daseins getrennt sind. Dies entspricht auch der Haltung, die Microsoft im Bereich Education sonst vertritt: eine recht traditionelle Auffassung von Bildung, die noch weit vom zukunftsorientierten Lernen entfernt ist und die Technologie in den Vordergrund stellt, nicht ein neues Mindset. Es wird zwar davon gesprochen, dass durch das Microsoft Metaverse zwischenmenschliche Beziehungen in den Vordergrund rücken, doch werden diese Aussagen u.a. durch die Anzeige von übersetzten Untertiteln in Avatar-Unterhaltungen visualisiert, was mehr den Inhalt des Miteinanders in den Fokus rückt als Empfindungen. Per definitionem ist das Metaverse für Microsoft offenbar ein digitales Abbild der „realen“ Welt und manifestiert sich auf einer Plattform im Microsoft-Universum, die aus verschiedenen Anwendungen besteht, darunter AltSpaceVR und Teams, das wie eine Art Portal ins Metaverse dargestellt wird. Die Interoperabilität ist somit vor allem im Microsoft-Kosmos gegeben, wenngleich Teams auch bald (ohne die angekündigten Mesh-Funktionalitäten) in andere Metaverse-Welten wie Horizon Workrooms integriert bzw. gestreamt werden können soll und wenn Teams-Nutzer auf ihre Workspace-Dateien zugreifen können sollen.

Zum aktuellen Zeitpunkt stehen die beiden Firmen jedoch noch nicht in Konkurrenz, da die Mesh-Plattform erst angekündigt wurde, jedoch noch nicht verfügbar ist. Es ist auch nicht klar, wie lange es noch dauern wird, bis sie für alle Nutzer verfügbar sein wird und ob sie wirklich im Endeffekt dem entsprechen wird, was angekündigt wurde. Man denke nur an die Ankündigungen 2015, dass Minecraft bald mit der Hololens im Wohnzimmer gespielt werden könne. Darauf warten wir noch immer. Insgesamt kann man sagen, dass Microsofts Herangehen an das Thema Metaverse wie eine Marketing-Strategie wirkt, die zudem auf der Annahme beruht, dass sich im geschäftlichen Bereich in den nächsten Jahren nichts drastisch ändern wird. Vielleicht kann man sogar unterstellen, dass Microsoft davon ausgeht, dass die Zukunft eher linear als exponentiell ist und dass wir nach wie vor in einer VUCA-Welt leben, in der man versucht, der Komplexität durch Experimente Herr zu werden, anstatt in einer BANI-Welt, in der das Chaos nur durch Handeln im größeren Stil bezwungen werden kann (mehr dazu).

Meine eher pessimistische Haltung bezüglich der Metaverse-Bestrebungen von Microsoft hat sich bisher auch nicht durch die Übernahme des World of Warcraft-Machers Activision Blizzard geändert. Experten munkeln zwar, dass sich der Konzern dadurch wertvolle Erkenntnisse für den weiteren Vorstoß ins Metaverse verspreche, doch wird dabei etwas außer Acht gelassen, dass es hier zwar – ähnlich wie beim Spieleklassiker Minecraft – klar um Cloud Computing und eine Spielercommunity geht, dass Spielewelten jedoch nach wie vor in sich geschlossene Systeme sind, die nur selten interoperabel sind oder eine Verbindung zur physischen Welt haben (z.B. die Möglichkeit, in Second Life, verdientes Geld in Dollar zu konvertieren).

Bei der Präsentation seiner Vorstellung des Metaverse legt Mark Zuckerberg besonderen Wert darauf, dass es darum geht, den Lebensraum der Menschen zu erweitern. Er stellt auch mehr den Menschen in den Mittelpunkt, wenn er vom Gefühl der Präsenz im Metaverse spricht. Dieses Gefühlt der Präsenz wird durch den eigenen Avatar, ein 3D-Abbild des Menschen, das laut Zuckerberg den heutigen Profilbildern ähnelt, vermittelt. Diese Erweiterung der physischen Welt umfasst die Bereiche der Arbeit, des sozialen Miteinanders und auch des persönlichen Lebens (z.B. sportliche Betätigung). Es schließt außerdem auch die Möglichkeit digitaler Besitztümer (z.B. NFTs) mit ein. Allerdings ist das Metaverse für Zuckerberg – allen Unkenrufen zum Trotz – nicht die Kreation einer Firma, auch nicht seiner Firma, sondern es besteht aus vielen Meta-Welten, die alle Teil des Metaverse sind, darunter auch Welten anderer Firmen und welche, die von den Usern selbst gebaut werden können. Die Interoperabilität ist somit gedanklich bereits gegeben. Auch wenn der Fokus aktuell natürlich erst einmal auf den eigenen Anwendungen Horizon Home, Horizon Workrooms, Horizon Venues und Horizon Worlds liegt, so versucht Zuckerberg nicht, das Metaverse darauf zu beschränken. Vielmehr spricht er von Kompatibilität, Interoperabilität und fließenden Übergängen und betont, wie verschiedene Schichten der Realität verschmelzen können. Die angekündigte Kooperation mit Microsoft, um Teams und Workrooms zu verknüpfen, gehört zu diesen Bestrebungen dazu. Ebenso jedoch auch sein Bekenntnis zum OpenXR-Standard im Sommer 2021. Wo Meta unabhängig von der Erkenntnis, dass das Metaverse nicht nur mit VR-Brillen erlebt werden kann, ganz klar die Nase vorne hat, ist die größer werdende Präsenz der eigenen VR-Brille Quest 2 in immer mehr Haushalten. Hat Zuckerberg den Einstieg in den Markt der mobilen Endgeräte versäumt, so wird er dank der aggressiven Subventionierung seiner VR- (und angekündigten Mixed Reality-) Brillen mit Sicherheit längerfristig ganz vorne im Hardwaremarkt mitmischen.

Auch wenn viele Menschen Zuckerberg aus unterschiedlichen Gründen recht skeptisch gegenüberstehen und ihm unterstellen, es gehe ihm nur ums Geschäft, so teile ich diese Sichtweise nicht ganz. Vielmehr glaube ich, dass in Zuckerbergs Brust zwei Herzen schlagen, die nur in Ansätzen miteinander vereinbar sind. Der Teufel auf seiner linken Schulter flüstert ihm ins Ohr, dass er Unternehmer ist und möglichst viel Gewinn erwirtschaften muss. Daraus resultieren dann unschöne bis erschütternde Berichte darüber, wie mit Datenschutz und auch Mitarbeitern umgegangen wird. Dies sind nicht zu leugnende Probleme, die die Firma, für die Zuckerberg steht – wie alle anderen Firmen in dieser Branche – in den Griff bekommen muss, wenn sie weiterhin Bestand haben will. Der kleine Engel auf seiner rechten Schulter hingegen erinnert Zuckerberg vermutlich permanent an seine Ideale und Visionen für die Zukunft. Und wie viele Visionäre, nicht zuletzt auch Elon Musk und Philip Rosedale, wird er nicht ernst genommen, belächelt oder ihm werden unlautere Intentionen unterstellt. Doch blickt man einmal zurück in die Vergangenheit von Facebook, so erkennt man, dass er vor knapp 20 Jahren die Potenziale erkannt hat, die in einem Sozialen Netzwerk liegen und dass er damit eine Art zweite Heimat jenseits von Ländergrenzen für viele Menschen geschaffen hat. Dass es in diesem digitalen Land, das mehr als doppelt so viele Nutzer hat wie China Einwohner, viele Probleme gibt, ist einerseits zwar nicht auf die leichte Schulter zu nehmen, doch darf man nicht die Augen davor verschließen, dass es einerseits vielen Menschen eine Stimme gibt, und andererseits lediglich die Gesellschaft abbildet – auch wenn es sich um ein sehr unvorteilhaftes Abbild handelt. Ähnlich wie beim Thema KI und Ethik ist jedoch nicht die Technologie an allem schuld, sondern die Menschen, die diese Technologie nutzen – und es muss eine Balance gefunden werden zwischen gesellschaftlicher und individueller Verantwortung.

Insgesamt glaube ich persönlich daran, dass Zuckerberg vor allem ein brillanter Visionär ist, der die exponentielle Zukunft, auf die wir zusteuern, nicht nur klar sieht, sondern auch erkennt, welche Möglichkeiten in ihr stecken. Sein Ziel ist es nicht, dass alle Menschen wie im Film Ready Player One vor der grausamene Realität in eine virtuelle Oasis flüchten, sondern er sieht was möglich und potenziell wünschenswert ist, erzählt seine Vision ganz im Sinne des Futurismus und möchte seine Weltanschauung mit anderen verhandeln. Dass er seine persönliche Geschichte aus der Zukunft so formuliert, als ob sie die einzige Alternative sei, ist in diesem Kontext auch nicht verwerflich, denn Futuristen haben nicht den Anspruch, die Zukunft vorherzusagen, sondern sie zeichnen ein mögliches Bild der Zukunft, das andere Menschen reflektieren, unterstützen oder mit alternativen Geschichten ergänzen können. Dies ändert jedoch nichts daran, dass er in die Zukunft blickt, ihre Potenziale erkennt und sie mit offenen Armen empfängt. Ihn dafür zu verdammen, dass er mit begeisterten Keynotes von seinen Visionen schwärmt, und in gewisser Weise das Angebot eines Dialogs komplett auszuschlagen, ist meines Erachtens nicht besonders fair und auch nicht sonderlich sinnvoll. Denn natürlich präsentiert er als Unternehmer seine Visionen wie Fakten, doch wird er niemanden gegen seinen Willen in einem Meta-Metaverse einsperren. Doch zumindest spricht er über mögliche Veränderungen, anstatt am Status Quo festzuhalten, bis es zu spät ist.

Was ich mir jedoch durchaus wünschen würde, wäre eine etwas visionärere Haltung in Hinblick auf das Lernen im 21. Jahrhundert, dessen Ziel nicht nur die Fähigkeit ist, die Welt mitzugestalten, sondern dessen Gelingensbedingung es zugleich ist, dass gestaltet und nicht nur konsumiert werden kann. Diesbezüglich finde ich weit mehr Anknüpfpunkte an Elon Musks Haltung, wenngleich er wiederum die Potenziale des Metaverse nicht erkennt – oder der Unternehmer in ihm sie nicht erkennen will.

@wealth This is why Elon Musk created his own school for his kids. #motivation #innovation #elonmusk ♬ original sound – Wealth

 

Bildquellen

Share.

Comments are closed.