Der Begriff Neurodiversität war mir vor diesem Kurs selbstverständlich vertraut. Trotzdem hat sich mein Verständnis davon in den vergangenen Wochen noch einmal verschoben. Weniger, weil ich die grundlegende Idee menschlicher neurologischer Vielfalt neu kennengelernt hätte. Vielmehr wurde deutlicher, was daraus folgt, wenn man diese Vielfalt tatsächlich zum Ausgangspunkt des Denkens macht. Das Neurodiversitätsparadigma verändert zunächst die Frage danach, wo ein Problem verortet wird. Viele traditionelle Modelle betrachten Abweichungen von erwarteten Formen des Verhaltens, Kommunizierens, Lernens oder der Regulation als Eigenschaften der einzelnen Person. Das erscheint auf den ersten Blick plausibel, weil schließlich eine konkrete Person Schwierigkeiten erlebt. Die Umwelt, in…
Autor: Stephanie Wössner
Kurse werden häufig so beschrieben, als müsse am Ende ein deutliches „Vorher“ und „Nachher“ stehen. Für mich ist das selten der Fall. Meine grundsätzliche Vorstellung von Lernen hat sich durch den Kurs nicht verändert. Ich habe auch vorher Lernendenvariabilität, Agency, Zugehörigkeit und die Bedeutung der Lernumgebung für zentral gehalten. Was sich verändert hat, ist meine Genauigkeit. Ich kann heute an mehreren Stellen besser benennen, weshalb bestimmte Situationen problematisch sind, und ich habe Begriffe und Konzepte kennengelernt, mit denen sich Unterschiede beschreiben lassen, die sich vorher leichter vermischten. Dazu gehört etwa die Unterscheidung zwischen Leistung und Potenzial, zwischen vorhandener Fähigkeit und…
Universal Design for Learning war für mich keine Entdeckung einer völlig neuen pädagogischen Welt. Vieles daran passt zu meinem bisherigen Verständnis von Lernen: Lernende unterscheiden sich, diese Unterschiede sind erwartbar, und Lernumgebungen sollten mit dieser Variabilität rechnen, bevor einzelne Menschen als Abweichung vom vorgesehenen Ablauf erscheinen. Neu war für mich eher die Präzision, mit der UDL diese Haltung in konkrete Gestaltungsfragen übersetzt. Das ist beispielsweise im Zusammenhang mit Hochbegabung und 2e relevant. Zugänglichkeit wird im Bildungskontext noch immer schnell mit Vereinfachung verwechselt. Wer Unterstützung benötigt, erhält leichtere Aufgaben, weniger Inhalt oder reduzierte Erwartungen. Bei einem 2e-Profil kann genau das am…
Wenn ich auf die vergangenen Wochen zurückblicke, hat sich mein Verständnis von Hochbegabung nicht grundlegend verändert. Ich habe auch vorher bezweifelt, dass sich Fähigkeiten sinnvoll auf einen IQ-Wert, gute Noten oder besonders schnelle Leistungen reduzieren lassen. Im Verlauf meines Kurses zum Thema Hochbegabung ist dieser Zweifel jedoch sehr viel präziser geworden. Vor allem die Beschäftigung mit twice-exceptionality, kurz 2e, hat mir noch einmal deutlich gemacht, wie problematisch es ist, von sichtbarer Leistung direkt auf Fähigkeit, Unterstützungsbedarf oder intellektuelles Niveau zu schließen. Bei 2e treffen hohe kognitive Fähigkeiten und eine Behinderung, Neurodivergenz oder andere erhebliche Lern- und Unterstützungsbedarfe aufeinander. Schon diese…
Wie kann Lernen dazu beitragen, dass Zukunft nicht nur bewältigt, sondern mitgestaltet wird? Wie kann Bildung Menschen stärken, Orientierung geben und neue Möglichkeitsräume eröffnen – gerade in einer Zeit, die von technologischen Umbrüchen, gesellschaftlichen Spannungen und kulturellen Verschiebungen geprägt ist? Mit „Lernen für eine lebenswerte Zukunft“ ist ein Buchprojekt entstanden, das genau diese Fragen in den Mittelpunkt stellt. Es versammelt 21 radikale Impulse für Bildung im Zeitalter der menschlichen Digitalität und verdichtet Gedanken, die mich seit Langem in meiner Arbeit an der Schnittstelle von Bildung, Transformation und Gesellschaft begleiten. Das Buchprojekt ist gemeinsam mit The Future:Project entstanden. Es knüpft an…
Manche popkulturellen Figuren begleiten uns so lange, dass sie irgendwann aus ihrer ursprünglichen Zeit herausfallen. Sie bleiben äußerlich dieselben, aber die Fragen, die wir an sie stellen, verändern sich. Bibi Blocksberg gehört zu diesen Figuren. Wer die Hörspiele heute hört, hört nicht mehr nur die Geschichte eines frechen Mädchens, das mit einem Hexspruch den Alltag durcheinanderbringt und am Ende häufig dafür sorgen muss, dass wieder halbwegs geordnete Verhältnisse einkehren. Man hört zugleich eine Figur aus den frühen 1980er-Jahren, die damals einen bemerkenswerten Möglichkeitsraum eröffnete und aus heutiger Perspektive dennoch deutlich an die Normalitätsvorstellungen ihrer Entstehungszeit gebunden bleibt. Bibi im Rückblick…
Die Kategorien „Videos“ und „Podcasts“ auf PetiteProf79 werden ab sofort nicht mehr als eigenständige Bereiche weitergeführt. In den vergangenen Jahren sind dort viele Beiträge erschienen, die weiterhin Teil meines Denk- und Arbeitswegs bleiben. Deshalb bleiben die bisherigen Inhalte bis einschließlich 2025 auf PetiteProf79 verfügbar. Gleichzeitig hat sich meine Arbeit weiterentwickelt. Videos, Podcastfolgen und weitere Gesprächsformate erscheinen inzwischen gebündelt auf meiner eigentlichen Webseite. Dort lassen sie sich besser in den größeren Zusammenhang meiner Arbeit einordnen: als Teil einer Auseinandersetzung mit zukunftsorientiertem Lernen, menschlicher Digitalität, Bildungstransformation und der Frage, wie wir gemeinsam eine lebenswerte Zukunft gestalten können. Der Menüpunkt auf PetiteProf79 verweist…
Die vier Texte dieser Blogreihe sind ursprünglich für den Themenmonat „Zukunft der Schule“ von News4Teachers entstanden. Veröffentlicht wurden dort jedoch nur zwei Beiträge. Damit blieb die Reihe in ihrer ursprünglichen Dramaturgie unvollständig, denn die Artikel waren nicht als lose Einzeltexte gedacht, sondern als zusammenhängender Gedankengang zur Transformation des Lernens. Deshalb erscheinen sie nun gesammelt auf meinem Blog. Im Zentrum steht die Frage, warum wir die Zukunft des Lernens nicht vor allem technisch, organisatorisch oder methodisch verstehen sollten. Natürlich spielen digitale Technologien, neue Lernräume, KI, Beteiligungsformate und veränderte Kompetenzanforderungen eine Rolle. Aber sie sind nicht der Ausgangspunkt. Der Ausgangspunkt ist die…
In den vorangegangenen Beiträgen wurde deutlich, dass zukunftsorientiertes Lernen mehr ist als die Einführung neuer Methoden, Räume oder Technologien. Es entsteht in Beziehungen, in spielerischen Suchprozessen, in gestalteten Lernumgebungen und in reflektierter Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine. Learning for Life und Playfulness haben gezeigt, wie bedeutsam Beziehung, Sinn und Exploration für nachhaltiges Lernen sind. Learning Environments und Human-Machine Teamplay haben verdeutlicht, dass Räume und Technologien nur dann wirksam werden, wenn sie menschliche Entwicklung, Urteilskraft und Verantwortung unterstützen. Diese Perspektiven verweisen auf einen tieferen Zusammenhang: Die Zukunft des Lernens entscheidet sich nicht an technischen Innovationen, sondern an der Fähigkeit von Bildungssystemen,…
Wenn über die Zukunft des Lernens gesprochen wird, stehen häufig digitale Technologien, neue Plattformen oder Künstliche Intelligenz im Mittelpunkt. Weit seltener wird darüber gesprochen, unter welchen räumlichen, sozialen und kulturellen Bedingungen diese Technologien ihre Wirkung überhaupt entfalten können. Dabei zeigt die Praxis ebenso wie die Bildungsforschung seit Langem: Weder Räume noch Systeme verändern Lernen automatisch. Zukunftsorientiertes Lernen entsteht dort, wo Lernumgebungen Beziehung ermöglichen, Beteiligung fördern und Verantwortung unterstützen. Es braucht Orte, die Sicherheit geben, ebenso wie Technologien, die Reflexion und Gestaltung eröffnen. Zwei Perspektiven verdeutlichen diesen Zusammenhang besonders klar: Learning Environments und Human-Machine Teamplay. Auch diese beiden Perspektiven sind Teil…

